Jeden Morgen pünktlich um sieben Uhr brachte meine Nachbarin einen großen schwarzen Sack vor die Tür. Sie warf ihn nie achtlos auf den Bürgersteig.
Stattdessen hielt sie den oberen Teil fest, senkte ihn vorsichtig ab und zog den Knoten fest, als ob etwas Wertvolles darin beschädigt werden könnte.
Dann stand sie einen Moment lang daneben, atmete schwer und ging dann langsam zurück in ihr blitzblankes Haus.
Wochenlang beobachtete ich sie von meinem Küchenfenster aus.
Und weil ich nicht verstand, was sie da tat, begann ich, mir eigene Erklärungen auszudenken.
Keine davon war freundlich.
Die Frau von gegenüber
Früher war es in unserer Nachbarschaft im Morgengrauen immer ruhig. Die Rasensprenger plätscherten leise auf dem grünen Rasen. Garagentore öffneten sich. Hunde bellten hinter den Zäunen. Die Leute sammelten Zeitungen, noch in Hausschuhen.
Diese ruhige Stunde war immer mein liebster Teil des Tages gewesen.
Dann begann Barbaras seltsame Routine.
Ihr Haus lag direkt gegenüber von unserem. Es sah aus wie aus einer Immobilienanzeige: frisch gestrichen, akkurat geschnittene Hecken, leuchtende Blumen und ein silberner SUV, der selbst im Winter wie neu aussah.
Barbara war so elegant wie ihr Haus.
Sie trug Seidentücher, gebügelte Hosen und Lippenstift, selbst wenn sie nur zum Briefkasten ging. Sie grüßte immer höflich, aber unsere Gespräche gingen selten über das Wetter hinaus.
Dann tauchten die Säcke auf.
Zuerst dachte ich, sie räumte ihre Garage auf oder renovierte ein Zimmer.
Aber es kamen keine Handwerker.
Keine Farbdosen, keine kaputten Möbel, kein Baumaterial.
Trotzdem kam Barbara jeden Morgen in einem rosa Morgenmantel und Hausschuhen heraus und zog einen weiteren riesigen Baukoffer hinter sich her.
Manchmal waren es sogar zwei.
Ein schlichter weißer Lieferwagen kam gegen acht Uhr und holte sie ab. An den Türen prangte kein Firmenlogo, nur ein kleiner Aufkleber hinten.
Der Fahrer warf Barbara gelegentlich vor der Abfahrt eine Quittung in den Briefkasten.
Alles wirkte seltsam organisiert.
Und privat.