Am Tag ihrer Abschlussfeier bat ein Waisenmädchen einen Fremden, ihr Vater zu sein… Seine Antwort veränderte beider Leben für immer.

Kurz vor Beginn der Zeremonie stand Lily wortlos auf.

Sie umklammerte ihre Absolventenmütze und schlüpfte unbemerkt durch einen Seitengang, inmitten der Menschenmenge. Der äußere Gang war ruhiger, nur ferne Schritte und gedämpfte Stimmen hallten wider.

Sie wusste nicht genau, wohin sie ging.

Sie brauchte nur einen Moment.

Als sie sich dem Haupteingang des Gebäudes näherte, sah sie einen Mann in der Nähe der Türen stehen.

Er trug einen maßgeschneiderten anthrazitfarbenen Anzug, seine Haltung entspannt und doch gelassen. In seinen Händen hielt er einen Strauß weißer Lilien, in zartes Papier gewickelt. Er wirkte fehl am Platz – wie jemand aus einer ganz anderen Welt.

Lily zögerte.

Dann ging sie weiter.

Irgendetwas an ihm – vielleicht der ruhige Ausdruck in seinem Gesicht oder die Art, wie er geduldig blieb, als warte er auf jemanden Wichtiges – verlieh ihm eine gewisse Ausstrahlung, die sie nicht recht verstand.

Ein paar Schritte weiter blieb sie stehen.

„Entschuldigen Sie“, sagte sie leise.

Nur zur Veranschaulichung

Der Mann drehte sich um.

Er war älter, vielleicht etwas über fünfzig, mit grauen Strähnen in seinem dunklen Haar und freundlichen, aufmerksamen Augen.

„Ja?“, erwiderte er sanft.

Lily schluckte.

Das war absurd. Das wusste sie.

Aber wenn sie jetzt nicht fragte, würde sie es nie tun.

„Würden Sie …“ Ihre Stimme zitterte, und sie zwang sich, von Neuem zu beginnen. „Würden Sie so tun, als wären Sie mein Vater … nur für heute?“

Die Worte hingen zwischen ihnen.

Der Mann blinzelte, sichtlich überrascht.

„E-Entschuldigung“, fügte Lily schnell hinzu, ihre Wangen röteten sich. „Das klingt seltsam. Es ist nur … ich habe hier niemanden, und nach der Zeremonie werden die Familien zum Fotografieren zurückgerufen, und ich dachte, vielleicht …“

Ihre Stimme verstummte.