« Sing auf Arabisch und ich nehme dich zur Frau »

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Samir.

Sie sah ihn an.

Sie schwieg einige Sekunden lang.

Sie verstand, dass es gefährlich war, sich einzumischen.

Wer ist sie für ihn?

Kellnerin.

Der Person, der er gerade im Scherz einen Heiratsantrag gemacht hat.

Aber sie konnte nicht einfach schweigen.

– Entschuldigung, Herr al-Hadi.

Er war von ihrem offiziellen Tonfall überrascht.

– Ja?

— Ich hätte Ihre Unterlagen nicht ansehen sollen.

Nabil wurde sofort ernster.

— Welche anderen Dokumente?

Daria übergab den Ordner.

— Mir ist zufällig eine Unstimmigkeit aufgefallen.

Samir nahm die Papiere entgegen.

– Diskrepanz?

— Ein Betrag ist hier angegeben, ein weiterer befindet sich im Anhang.

Nabil runzelte die Stirn.

– Bist du sicher?

Daria antwortete ruhig:

– Ja.

Die Männer tauschten Blicke.

Samir öffnete das Dokument.

Er betrachtete die Seite einige Sekunden lang.

Dann blickte er Nabil an.

— Haben Sie diesen Vertrag geprüft?

Der Assistent runzelte die Stirn.

– Sicherlich.

— Wie kam es dann dazu?

Zum ersten Mal an diesem Abend verschwand das Lächeln aus Nabils Gesicht.

— Es könnte sich um einen Fehler der Anwälte handeln.

Daria sagte leise:

– Vielleicht.

Sie machte niemandem Vorwürfe.

Samir bemerkte jedoch ihre Vorsicht.

— Ist Ihnen bewusst, dass es sich hier um einen Vertrag im Wert von mehreren zehn Millionen handelte?

Sie nickte.

– Genau deshalb habe ich das gesagt.

Im Restaurant herrschte Stille.

Samir betrachtete sie mit völlig anderen Augen.

Nicht wie eine Kellnerin.

Nicht so wie ein zufällig ausgewähltes Mädchen, das man mit Geld überraschen kann.

Vor ihm stand ein Mann, der hätte schweigen und gehen können.

Aber er hat es nicht getan.

„Warum hast du mich gewarnt?“, fragte er.

Daria zuckte mit den Achseln.

— Denn ein Fehler bleibt ein Fehler, egal wer ihn begangen hat.

Diese Worte verletzten ihn mehr, als sie sich hätte vorstellen können.

Später am Abend, als das Restaurant fast leer war, saß Samir immer noch an seinem Tisch.

Daria hatte ihre Schicht beendet und machte sich gerade zum Gehen bereit.

Sie hatte ihre Arbeitsuniform bereits ausgezogen und ihren Mantel angezogen, als sie hörte:

– Warten.

Sie drehte sich um.

Samir stand am Ausgang.

Ohne Gesellschaft.

Ohne Berater.

Einfach nur ein Mann.

– Du hast ein Lied versprochen.

Daria lächelte.

— Ich sagte, ich würde nach meiner Schicht antworten.

Er nickte.

– Rechts.

Sie gingen hinaus auf die kleine Terrasse des Restaurants.

Die Lichter der Stadt strahlten ringsum.

In Dubai herrschte das übliche Nachtleben.

Samir sah sie an.

– Jetzt möchte ich es hören.

Daria schwieg einen Moment.

Dann begann sie leise zu singen.

Es war ein altes arabisches Lied über Heimat, Erinnerung und Menschen, die nicht vergessen werden dürfen.

Ihre Stimme war ruhig, aber sie enthielt so viel Traurigkeit, dass selbst Samir aufhörte zu lächeln.

Er hörte schweigend zu.

Als das Lied zu Ende war, herrschte einige Sekunden lang Stille.

„Warum hast du gerade dieses Lied ausgewählt?“, fragte er.

Daria blickte in die Ferne.

— Denn manchmal kann ein Mensch alles um sich haben… und sich trotzdem weit weg von zu Hause fühlen.

Zum ersten Mal fand Samir keine Antwort.

Er verstand diese Worte nur allzu gut.

Er hatte Geld.

Beeinflussen.

Erfolg.

Doch in den letzten Jahren hat er das verloren, was man nicht kaufen kann.

Am nächsten Morgen kam Samir früher als gewöhnlich im Büro an.

Derselbe Vertrag lag vor ihm.

Seine Anwälte haben es bereits bestätigt: Daria hatte Recht.

Der Fehler hätte enorme finanzielle Folgen haben können.

Doch etwas anderes beunruhigte ihn am meisten.

Wie konnte eine einfache Kellnerin bemerken, was Profis entging?

Er beauftragte Nabil, Informationen über sie zu beschaffen.

Ein paar Stunden später lag ein Ordner auf seinem Schreibtisch.

Name: Daria.

Alter.

Ausbildung.

Erfahrung.

Und ein Satz brachte ihn zum Innehalten:

„Mein wirtschaftswissenschaftliches Studium konnte ich aus familiären Gründen nicht abschließen. Sehr gute Arabischkenntnisse. Ausgezeichnete analytische Fähigkeiten.“

Samir schloss den Ordner.

Eines hatte er verstanden.

Er hat gestern Abend einen Fehler gemacht.

Er blickte auf sie herab.

Und sie entpuppte sich als die Person, die ihn vor einem großen Problem rettete.

Doch er ahnte noch nicht, dass ihre Vergangenheit ein Geheimnis barg, das mit seiner eigenen Familie zusammenhing.

Und wenn die Wahrheit ans Licht kommt, wird ihr Treffen im Restaurant nicht mehr wie ein Zufall erscheinen.

Teil 3

Der Morgen bei Al-Hadi Logistics begann ungewöhnlich.

Samir kam immer früh ins Büro. Er war der Ansicht, dass eine Führungskraft, die von anderen Disziplin fordert, mit gutem Beispiel vorangehen sollte.

Doch an diesem Tag konnte er sich nicht auf seine Arbeitsberichte konzentrieren.

Vor ihm lag eine Mappe mit Informationen über Daria.

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