Am Empfang suchte eine junge Frau die Akte heraus.
„Er ist schon älter“, sagte sie. „Seit seiner Ankunft ist er sehr zurückgezogen.“
Sie führte mich an Hundereihen und unruhigen Katzen vorbei bis zu einem Käfig ganz hinten.
Romeo war kleiner geworden.
Sein Fell wirkte stumpf, die Schultern hingen ein wenig. Er saß nicht mehr stolz wie früher, sondern zusammengerollt auf einer Decke, als wolle er so wenig Platz wie möglich einnehmen.
Ich trat näher.
Romeo hob den Kopf.
Er sah mich lange an, dann kam er an die Gitter und drückte die Nase dagegen.
Kein Miauen. Kein Theater.
Nur dieser Blick, als wollte er sagen: Da bist du ja. Das hat aber gedauert.
In diesem Moment brach etwas in mir auf.
Vielleicht war es die Trauer um Herrn Bianchi. Vielleicht das schlechte Gewissen. Vielleicht auch nur die Erkenntnis, dass Romeo mich all die Jahre ebenso wahrgenommen hatte wie ich ihn.
Die junge Frau sagte leise: „Ältere Tiere tun sich oft schwer mit Veränderungen.“
Ich nickte, aber es war mehr als das.
Es war Verlust.
Und davon wusste ich selbst genug.
Meine Scheidung lag Jahre zurück. Meine Tochter lebte weit weg. Mein Apartment war sauber, ruhig und auf eine Weise einsam, die ich mir kaum eingestand.
Keine Stimme am Abend.
Kein echter Empfang am Morgen.
Zu viel Stille in zu vielen Räumen.
Ich sah Romeo an. Er blieb an den Gittern, die Nase noch immer dagegen gedrückt, als hätte er Angst, ich könnte wieder gehen.
„Was muss ich unterschreiben?“, fragte ich.
Die Frau blinzelte überrascht.
„Sie wollen ihn adoptieren?“
Ich musste durch Tränen lachen.
„Ich glaube“, sagte ich, „er hat mich längst adoptiert.“
Die erste Nacht versteckte sich Romeo drei Stunden unter dem Sofa.
Ich saß im Wohnzimmer, tat so, als würde ich fernsehen, und hörte jedes kleine Rascheln unter mir. Eine Weile dachte ich, ich hätte mich geirrt.
Vielleicht war ich zu spät gekommen. Vielleicht konnte man manche Verluste nicht einfach mit einer Unterschrift ausgleichen.
Doch später kam Romeo hervor.
Er bewegte sich langsam, vorsichtig, als müsse er jede Ecke meines Apartments neu verhandeln. Dann sprang er auf den Stuhl am Fenster und setzte sich in die Dunkelheit.
Wartend.
Diesmal jedoch nicht allein.
Sechs Monate sind seitdem vergangen.
Jeden Nachmittag, wenn ich heimkomme, sitzt ein roter Kater an meinem Fenster.
Nicht, weil er im Gestern feststeckt. Sondern weil er beschlossen hat, wieder zu vertrauen.
Und, ehrlich gesagt, ich auch.
Manchmal beginnt ein neues Zuhause mit einer leeren Veranda, einem alten Blick aus dem Fenster und der Entscheidung, niemanden mehr warten zu lassen.
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