Romeo starrte mich an, als hätte ich mich verspätet, obwohl ich pünktlich war.

Elf Jahre lang fuhr ich dieselbe Tour durch den östlichen Teil der Stadt. Dieselben rissigen Gehwege, dieselben verbeulten Briefkästen, dieselben kleinen Gewohnheiten, die man erst bemerkt, wenn sie plötzlich fehlen.

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Das  Haus von Herrn Bianchi war eine dieser Gewohnheiten. Ein helles, etwas abgeblättertes Häuschen mit zwei schiefen Stufen vor der Tür und einem  Fenster zur Straße.

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Hinter diesem Fenster tauchten fast jeden Morgen dieselben Augen auf.

Nur gehörten diese Augen nicht Herrn Bianchi.

Sie gehörten Romeo, einem großen roten Kater mit einem leicht eingerissenen Ohr und einem Gesichtsausdruck, als sei die ganze Welt eine einzige Enttäuschung. Jeden Morgen saß er dort, als gehöre ihm das Haus und gleich der halbe Straßenblock dazu.

Herr Bianchi lachte dann und sagte: „Nehmen Sie Romeo nicht zu ernst. Er denkt, er kontrolliert die ganze Nachbarschaft.“

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Ich übergab die Post, und Romeo musterte mich, als würde er prüfen, ob ich meinen Dienst ordentlich erledigt hatte.

Herr Bianchi lebte allein. Seine Frau war schon lange vor meiner  Zeit gestorben.

Ob er Kinder hatte, wusste ich nie genau, denn niemand schien ihn je zu besuchen. Er war höflich, still und dankbar auf eine leise Art, mit einem kleinen Nicken statt großen Worten.

Manchmal hatte ich das Gefühl, ich wäre die erste Person, mit der er an diesem Tag sprach. Und manchmal fragte ich mich, ob ich vielleicht die letzte sein würde.

Wenn ich Zeit hatte, blieb ich einen Moment länger.

Ich machte eine Bemerkung über das Wetter, klagte über meine Knie oder ließ ihn erzählen, wie Romeo einmal einen Küchenschrank geöffnet und sich ein Stück Brot gestohlen hatte.

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Nichts davon war wichtig.

Aber es reichte, um einen Mann daran zu erinnern, dass er nicht ganz unsichtbar war.

An einem Montag fand ich den Briefkasten voll. Das kommt vor.

Menschen verreisen. Menschen vergessen Dinge. Menschen lassen Werbung und Rechnungen ein paar Tage liegen.

Doch am Mittwoch waren Flugblätter schief hineingeklemmt, und eine gepolsterte Umschlagtasche ragte halb heraus. Die Vorhänge waren zugezogen.

Romeo war nicht am Fenster.

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Am Donnerstag erfuhr ich von einer Nachbarin zwei Häuser weiter, dass Herr Bianchi in seinem Sessel gestorben war. Natürlich, sagte sie. Wahrscheinlich schon am Wochenende.

Von diesem Gespräch blieb mir nicht viel.

Nur der Weg zurück zum Wagen. Nur das Gewicht der Werbung in meiner Tasche. Nur dieses leere Fenster.

Ich sagte mir, was man sich eben sagt.

Herr Bianchi war Teil meiner Runde. Romeo war nur eine Katze. Das Leben geht weiter.

Manche Verluste fallen erst auf, wenn der gewohnte Blick aus dem Fenster fehlt.

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Am Freitag fragte ich nach Romeo.

„Der Kater?“, sagte die Nachbarin. „Er wurde ins Tierheim gebracht.“

Ich nickte, als wäre das eine vernünftige Lösung.

Zu Hause aß ich Suppe, saß schweigend in meiner Küche und dachte an den roten Kater am Fenster, der auf einen Menschen gewartet hatte, der nie wiederkommen würde.

Am Sonntagmorgen fuhr ich zum Tierheim.

Ich sagte mir, ich wolle nur nachsehen.

Das war gelogen.

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