—Mariana Salazar, hier spricht Patricia von der Personalabteilung.
Es war eine trockene, roboterhafte Stimme, völlig frei von menschlichen Regungen. Mariana, die das Lenkrad fest umklammert hielt und ihren Blick auf die endlosen roten Lichter von Mexiko-Stadt gerichtet hatte, antwortete schlicht:
—Mhm.
Im Hintergrund war kurz die sanfte, roboterhafte Stimme der Waze-App zu hören:
—Nach 12 Kilometern erreichen Sie das World Trade Center Mexico City.
Dieses imposante Glasgebäude war ihr Ziel. Dort sollte die Ausschreibung für das wichtigste Projekt in der Firmengeschichte stattfinden: ein Vertrag über 800 Millionen Pesos. Mariana hatte ein ganzes Jahr lang alles für dieses Dokument gegeben. Von den ersten Ortsbesichtigungen über die Ausarbeitung des technischen Angebots bis hin zu den frühen Morgenstunden, in denen sie, angetrieben von Instantkaffee und Angst, jedes Komma der juristischen Anhänge prüfte. Heute war der Tag des Sieges. Zumindest glaubte sie das.
—Mariana, hörst du mir überhaupt zu? — fragte Patricia mit einem ungeduldigen Unterton, der an Unverschämtheit grenzte.
—Ich kann dich perfekt hören —, antwortete Mariana, ohne den Blick vom Asphalt zu wenden.
Ich fasse mich kurz. Die finanzielle Lage des Unternehmens ist aufgrund der Rezession äußerst schwierig. Wir müssen dringend Personal abbauen. Aufgrund dieser betrieblichen Anpassungen wird Ihr Arbeitsverhältnis mit sofortiger Wirkung beendet.
Die Worte trafen mich wie ein Schlag. Ohne Vorwarnung. Ohne Leistungsbeurteilung. Ohne einen Funken Anstand. Einfach ein Anruf, der mich mitten im Berufsverkehr feuerte.
„Ihre Abfindung wird gemäß den gesetzlichen Bestimmungen berechnet“, fuhr Patricia fort, während sie sich in ihrem komfortablen Büro zweifellos die Nägel feilte. „Ihr Gehalt für diesen Monat und Ihre Abfindung werden auf Ihr Bankkonto überwiesen. Sie brauchen nicht ins Büro zu kommen; wir schicken Ihre persönlichen Gegenstände an Ihre Wohnadresse. Sie werden in Kürze aus den Systemen und Arbeitsgruppen entfernt. Das ist alles.“
Das Gespräch wurde abrupt beendet. Stille herrschte im Fahrzeuginnenraum, nur unterbrochen vom Navigationssystem.
—Folgen Sie der aktuellen Route.
Mariana blickte auf die Uhr im Armaturenbrett. Sie dachte genau drei Sekunden nach. Keine Tränen, keine Schreie, kein Hämmern aufs Lenkrad. Absolute, eiskalte Klarheit. Sie setzte den Blinker, fuhr links auf die Straße und riss beim nächsten Wendemanöver das Lenkrad herum – eine verbotene, aber befreiende Kehrtwende.
„Sie sind vom Kurs abgekommen“, verkündete Waze verwirrt. „Neuberechnung… An der nächsten Kreuzung wenden…“
Mariana schaltete den Bildschirm aus, trat aufs Gaspedal und fuhr in Richtung ihrer Wohnung im Stadtteil Roma.
Als sie nach Hause kam, arbeitete sie mit höchster Präzision. Sie nahm ihr Handy und öffnete WhatsApp. Der angepinnte Gruppenchat ganz oben, mit dem Titel „Mission 800M: Volle Kraft voraus“, war voller Benachrichtigungen. Bevor die Personalabteilung sie entfernen konnte, klickte sie selbst auf „Gruppe verlassen“.
Dann wechselte sie ihre SIM-Karte auf eine Ersatznummer. Sie schaltete ihren Computer ein, aktualisierte ihr LinkedIn-Profil und schickte ihren Lebenslauf an eine befreundete Personalberaterin. Während sie die ausgedruckten Entwürfe ihrer ehemaligen Firma wegräumte, erschien eine Benachrichtigung auf ihrem Bildschirm. Sie stammte aus einem inoffiziellen Gruppenchat mit Kollegen, in dem die Chefs nicht anwesend waren. Jemand hatte sie wieder hinzugefügt.
Die erste Nachricht, die sie las, ließ ihr den Magen umdrehen. Sie stammte von Daniela, der jungen Praktikantin, die Mariana geduldig eingearbeitet hatte, die sie aber immer mit übertriebenem und neidischem Ehrgeiz ansah.
—Leute, habt ihr schon die Gerüchte gehört? Sie sind mit Anwältin Mariana durchgebrannt.
Der Chat explodierte.