²
Am Abend vor meiner ersten Chemotherapie wäre ich beinahe nicht zum Abschlussball gegangen, weil ich den Gedanken an das Mitleid aller nicht ertragen konnte. Dann betrat mein Date die Bühne, rasierte sich vor der ganzen Schule den Kopf und löste damit etwas aus, was ich mir nie hätte vorstellen können.
Anzeige
Innerhalb von nicht einmal zwei Wochen verwandelte sich mein Traum von silbernen High Heels in puren Stress, als ich plötzlich meine eigenen Haare in der Bürste betrachtete.
Keine Übertreibung.
Vor zwei Wochen war mein größtes Problem, die perfekten Schuhe zu dem smaragdgrünen Kleid zu finden, das an meiner Schranktür hing.
Ich hatte Screenshots gespeichert, Make-up-Tutorials als Lesezeichen abgelegt und sogar eine ganze Pinterest-Pinnwand für meinen Abschlussball angelegt.
Dieses Kleid fühlte sich an wie ein grausamer Scherz.
Anzeige
Statt mir Gedanken über Fotos und Blumensträuße zu machen, versuchte ich, die Worte „Stadium 3“ zu verarbeiten.
Diese Worte hallten mir seit der Diagnose durch den Arzt nicht mehr aus dem Kopf.
Stadium 3.
Aggressiv.
Sofortige Behandlung.
Die Chemotherapie beginnt Freitagmorgen.
Freitagmorgen war zufällig der Morgen nach dem Abschlussball.
Das Timing fühlte sich fast wie eine Beleidigung an.
Anzeige
Ich war 17.
Ich sollte mir Gedanken über den Abschlussball, Bewerbungen für die Uni und darüber machen, ob mein Schwarm mich zum Tanzen auffordern würde.
Stattdessen lernte ich etwas über Behandlungspläne, Nebenwirkungen und Überlebensraten.
Das Schlimmste war, dass ich schon krank aussah.
Meine Haare fielen viel schneller aus als erwartet.
Jedes Mal, wenn ich meine Haare bürstete, fielen mir weitere Büschel aus.
Jede Dusche fühlte sich an wie ein Horrorfilm.
Ich konnte nicht aufhören zu weinen.
Anzeige
Meine Mutter versuchte, positiv zu bleiben.
Mein Vater versuchte, stark zu sein.
Keiner von beiden konnte seine Angst verbergen.
Und wenn sie schon Angst hatten, wie sollte ich mich dann erst fühlen?
Am Mittwochabend hatte ich mich entschieden.
Ich ging nicht zum Abschlussball.
Ganz einfach.
Problem gelöst.
Kein Starren.
Kein Flüstern.
Keine Gnade.
Kein Verstellen.
Ich schrieb Leo eine SMS.
„Du bist offiziell frei von deinen Verpflichtungen zum Abschlussball.“
Drei Punkte erschienen sofort.
Dann verschwanden sie.
Dann erschienen sie wieder.
Endlich rief er an.
Ich nahm kaum ab.
„Elena?“, sagte er leise.
„Ja.“
„Was bedeutet diese SMS?“
„Das heißt, ich gehe nicht.“
Stille.
Dann seufzte er.
„Das wird nichts.“
Ich lachte bitter auf.
„Leo, ich sehe schrecklich aus.“
Weiter auf der nächsten Seite.