„Ich habe heute mit dem Makler aus unserem Viertel gesprochen. Marina, erinnerst du dich an den hier?“, sagte Igor beiläufig und zog sich dabei kaum die Jacke aus. Er roch wie immer nach der frostigen Straße und Motoröl, doch diese Worte jagten Liza einen ganz anderen Schauer über den Rücken.
Sie wandte den Blick von ihrem Laptop ab. Sie hatten noch nie über Immobilien gesprochen. Vor vier Jahren hatte Lisa dieses alte zweistöckige Haus von ihrer geliebten Großmutter geerbt. Sie und Igor hatten so viel Mühe hineingesteckt, es bis auf den Betonboden entkernt und in ein gemütliches kleines Nest verwandelt. Lisa lebte und arbeitete hier und schuf mit kleinen Dingen eine warme Atmosphäre.
„Welcher andere Makler?“, fragte sie stirnrunzelnd. „Warum?“
— Na ja, warum denn? — Igor zuckte mit den Achseln und ging in die Küche. — Wohnungen wie unsere sind momentan sehr gefragt. Man kann da richtig viel Geld verdienen. Und warum sollten wir zwei Wohnungen behalten, wenn wir sowieso wieder bei unserer Mutter einziehen?
Die Worte trafen ihn wie ein Schlag. Vor einigen Tagen hatte Igor vorsichtig das Gespräch begonnen, in dem er erzählte, dass seine Mutter, Tatjana Michailowna, allein in ihrer geräumigen Dreizimmerwohnung lebte. Sie klagte über Herzschmerzen und rief einen Krankenwagen. Lisa, die sich wieder gefasst hatte, erklärte sich bereit, für einige Monate bei ihrer Schwiegermutter zu wohnen, um ihr zu helfen. Ihr Verhältnis war schon immer angespannt gewesen: Tatjana Michailowna warf ihrer Schwiegertochter bei jeder Begegnung einen kalten Blick zu. Aber Probleme sind nun mal Probleme.
Und nun hat sich der vorübergehende Umzug plötzlich in einen Plan verwandelt, ihr einziges Zuhause zu verkaufen.
„Igor, warte mal“, Lisa stand vom Tisch auf. „Wir sprachen doch nur von vorübergehender Hilfe. Ich werde die Wohnung meiner Großmutter nicht verkaufen.“
— Was für ein sentimentaler Unsinn! — Der Mann verzog verärgert das Gesicht. — Welche Erinnerung? Wir haben hier alles erneuert, von meiner Großmutter ist nur noch die Adresse übrig. Wozu die Stromrechnung für leere Wände bezahlen? Und wir bekommen eine ordentliche Summe. Mamas Küche ist längst renovierungsbedürftig, die Möbel fallen auseinander. Und es wird Zeit, dass ich mir ein neues Auto kaufe, verdammt noch mal, es ist mir peinlich, damit zur Trauerfeier zu gehen.
Lisa hörte zu und traute ihren Ohren nicht. Er hatte bereits alles durchgerechnet. Er hatte fremdes Geld für seine eigenen Wünsche und den Komfort seiner Mutter eingeplant.
„Ich könnte sie vermieten, wenn es sich um eine Wohngemeinschaft handelt. Aber ich werde meine einzige Immobilie nicht verkaufen. Es ist meine Wohnung, und ich entscheide darüber“, erklärte sie entschieden.
Der Stuhl knarrte mit einem widerlichen dumpfen Geräusch auf dem Boden. Igor stand abrupt auf, sein Gesicht lief rot vor Wut an.
„Na klar!“, spuckte er. „Du kümmerst dich weder um meine Bedürfnisse noch um die Gesundheit meiner Mutter! Zieh dein Hemd enger an den Körper. Egoistisch!“
Er riss sich die Jacke über und knallte die Haustür so heftig zu, dass das Geschirr in der Küche kläglich klirrte. Lisa blieb stumm zurück, verwirrt und am Boden zerstört. Was als Gespräch über die Hilfe für einen Kranken begonnen hatte, war in regelrechte Erpressung ausgeartet.
Honigstimme und kalte Berechnung
Die nächsten Tage benahm sich Igor, als sei er zutiefst beleidigt. Er kam spät nach Hause, war gereizt und schlief mit dem Rücken zur Wand. Jedes Wochenende verschwand er zu seiner Mutter, angeblich um beim Putzen zu helfen.
Und am Freitag klingelte Lisas Handy. Der Name ihrer Schwiegermutter erschien auf dem Display. Tatjana Michailowna rief nur zweimal im Jahr an, und zwar ausschließlich an Feiertagen. Lisa drückte vorsichtig den Antwortknopf.
— Hallo, Lizochka! — Die Stimme der Schwiegermutter klang so süßlich, dass es fast peinlich wurde. — Wie geht es dir, Liebes? Igor hat mir erzählt, dass du überlegst, bei mir einzuziehen. Das ist so lieb von dir. In meinem Alter ist das Alleinsein so schwer.
– Guten Tag. Ja, wir haben über einen vorübergehenden Umzug gesprochen, – antwortete Lisa vorsichtig.
„Eine kluge Frau, Lisochka, hätte das längst begriffen“, sagte Tatjana Michailowna mit einem unmerklichen Tonfall, der nun sachlich und bestimmt klang. „Eine doppelte Stromrechnung ist Geldverschwendung. Und mit dem Verkauf deines Standes könntest du Gutes tun. Ich muss die Renovierung abschließen. Kauf Igor ein Auto, sonst leidet der Junge. Wir müssen an die Zukunft denken, an die Familie.“
Lisa umklammerte das Telefon so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden. Der „Junge“ beschwerte sich also schon bei seiner Mutter, dass seine böse Frau Millionen gestohlen habe. Sie sangen.
„Vielen Dank für Ihre Besorgnis, Tatjana Michailowna“, Lisas Stimme wurde eisig. „Aber ich habe nicht vor, mein Eigentum zu verlieren. Das steht nicht zur Debatte.“
Am anderen Ende der Leitung herrschte betretenes Schweigen. Honey war spurlos verschwunden. Da kam die übliche, resolute Schwiegermutter heraus, die keine Widerrede duldet.
„Na klar, meine Liebe“, sagte sie giftig. „Vergiss nur nicht: Mit deiner Sturheit bringst du deinen Mann nur zur Verzweiflung. Er hat es schon schwer genug, die Arbeit ist schmutzig, und deine Mutter ist alt. Du könntest deinen Mann unterstützen, anstatt dich nur hinter Mauern zu verstecken.“
Als Igor sich abends herabließ, zu Hause zu erscheinen, stellte Lisa ihm einen Teller mit Abendessen hin und stellte ihm eine direkte Frage.
„Haben du und deine Mutter schon eine Entscheidung für mich getroffen? Und habt ihr mein Geld aufgeteilt?“
Igor zuckte nicht einmal mit der Wimper. Er legte die Gabel auf den Tisch und betrachtete sie stirnrunzelnd.
„Was gibt es hier zu besprechen? Es ist lukrativer für uns. Wir sind eine Familie, Liz! Oder etwa nicht?“
– Familie! – Lisa konnte es nicht ertragen. – Aber das heißt doch nicht, dass ich wegen eures neuen Autos und der Fliesen meiner Mutter obdachlos bleiben muss!
„Du bist so dumm mit deinem ‚Mein‘!“, rief Igor und sprang auf. „Du denkst nur an dich selbst!“
Er übernachtete wieder nicht zu Hause. Er ging zu seiner Mutter, um „seine Wunden zu heilen“. Lisa schlief die halbe Nacht nicht. Ein dumpfer, schwerer Groll wuchs in ihr. Das Gefühl, hier schamlos und ohne jegliches Gewissen ausgenutzt zu werden, wurde unerträglich.
Ein Kuchen mit einem Hauch von Verrat