—Wenn du morgen deinen Doktortitel bekommst, Mateo, solltest du diese Dame, die nach Müll riecht, besser nicht mitbringen.
Der Satz traf uns wie ein Schlag.
Es war fast 3 Uhr morgens in einem Mietshaus in Iztapalapa. Draußen hatte es gerade geregnet, und der Flur roch nach Feuchtigkeit, verbranntem Öl und nasser Erde.
Im Zimmer war Mateos schwarze Toga auf dem Bett ausgebreitet.
Es wirkte wie etwas aus einer anderen Welt.
Eine Welt, in der die Menschen leise sprachen, teure Anzüge trugen und Universitätsabschlüsse bewunderten.
Nicht Carmens Welt.
Carmen saß auf dem Boden und sortierte nassen Karton, Plastikflaschen und zerdrückte Dosen. Ihre Hände waren geschwollen und rissig, ihre Nägel vom Durchwühlen der Taschen anderer Leute abgebrochen.
„Schlaf jetzt, Mama“, sagte Mateo mit müder Stimme. „Du musst morgen mitkommen.“
Sie lächelte, ohne aufzusehen.
—Zuerst mache ich das hier fertig, mein Junge. Dann nehme ich ein ausgiebiges Bad, damit ich dich nicht in Verlegenheit bringe.
Mateo spürte einen Kloß im Hals.
—Ich habe nie Mitleid mit dir.
Doch Carmen antwortete nicht.
Doña Elvira, die Nachbarin, die immer mehr wusste, als sie sollte, stand in der Tür. Ihre Arme waren verschränkt, und sie trug ein giftiges Lächeln.
„Ach, Carmen, mach dir keine allzu großen Hoffnungen“, sagte er. „Diese Jungs, wenn sie es erst einmal geschafft haben, schauen sie nie zurück. Du hast ihn zwar großgezogen, aber er ist nicht dein Blut.“
Carmen drückte eine Flasche so lange zusammen, bis sie sich verformte.
Mateo stand plötzlich auf.
—Das reicht jetzt, Ma’am. Reden Sie nicht so über meine Mutter.
Doña Elvira lachte leise auf.
—Deine Mutter? Echt lieb von dir. Wir wissen doch alle, dass du ihn behalten hast, weil dein verstorbener Vater dir etwas hinterlassen hat. Niemand zieht ein fremdes Kind umsonst groß.
Die Stille wurde bedrückend.
Mateo war sieben Jahre alt, als seine leibliche Mutter starb. Sein Vater, Arturo, heiratete später Carmen, eine ernste, stille Frau, die ihm zunächst wie eine Fremde im Haus vorkam.
Dann kam Arturo bei einem Verkehrsunfall ums Leben.
Und Carmen blieb.
Keine Verpflichtung.
Kein Geld mehr.
Ohne Applaus.
Sie blieb, als Mateos Onkel sie als Last bezeichneten. Sie blieb, als Arturos Familie sie eine Goldgräberin nannte. Sie blieb sogar, als der Junge, verwirrt und wütend, sie einmal anschrie, dass sie nicht seine Mutter sei.
Doña Elvira ging murmelnd weg.
Carmen sortierte weiterhin den Müll, als wäre nichts geschehen.
Doch eine Träne fiel auf den Karton.
Mateo bückte sich, um ihr zu helfen. Als er eine alte Kiste unter das Bett schob, fielen mehrere Papiere auf den Boden.
Es handelte sich um Schuldscheine.
Krankenhausquittungen.
Medizinische Studien.
Auf einem der Sätze war die Formulierung unterstrichen: „Verdächtige Verletzung, erfordert dringende Behandlung.“
Mateo spürte, wie seine Hände kalt wurden.
-Was ist das?
Carmen wurde blass.
—Das ist nichts, mein Sohn.
—Was heißt hier nichts? Bist du krank?
Sie senkte den Blick.
—Du hast gerade deine Dissertation fertiggestellt. Ich konnte dich nicht beunruhigen.
Bevor er etwas sagen konnte, klingelte Carmens Handy.
Folgendes erschien auf dem Bildschirm: Don Jacinto.
Matthew antwortete.
„Carmen“, sagte eine raue Stimme, „die Frist läuft morgen ab. Wenn du die 90.000 Pesos nicht bezahlst, wird das Haus in Oaxaca versteigert. Wir haben lange genug gewartet.“
Mateo legte langsam auf.
Das Haus in Oaxaca war das Einzige, was Carmen von ihren Eltern geblieben war.
Seine einzige Erinnerung.
Es ist seine einzige Wurzel.
—Hast du dein Haus für mich verpfändet?
Carmen konnte seinem Blick nicht standhalten.
In diesem Moment ging eine Nachricht von einer unbekannten Nummer ein.
„Bevor Sie Ihren Doktortitel erhalten, sollten Sie wissen, wer Carmen wirklich ist.“
Unten war ein altes Foto.
Carmen wirkte jung und elegant, trug einen weißen Mantel und stand neben Mateos Vater.
Und im Hintergrund befand sich der mächtigste Mann bei der morgigen Zeremonie.
TEIL 2
Mateo betrachtete das Foto, als ob sich ihm eine verbotene Tür geöffnet hätte.
Carmen war nicht die erschöpfte Frau, die im Regen Kartons sammelte.
Auf dem Foto hatte sie den Rücken gerade, die Haare ordentlich zurückgebunden und einen entschlossenen Blick. Sie trug einen weißen Laborkittel mit dem UNAM-Logo.
Neben ihr saß Arturo, ihr Vater.
Und hinter ihnen beiden lächelte Julián Robles, Inhaber von Robles Bioquímica, einem Millionenunternehmen, das Stipendien, Labore und sogar die Abschlussfeier sponserte, bei der Mateo seinen Doktortitel erhalten sollte.
„Kanntest du meinen Vater, bevor du ihn geheiratet hast?“, fragte Mateo.
Carmen schloss die Augen.
Zum ersten Mal seit Jahren schien sie seelisch müder zu sein als körperlich.
—Ja, mein Sohn. Ich kannte ihn schon lange, bevor du geboren wurdest.
Matthew sagte nichts.
Carmen saß auf der Bettkante neben der schwarzen Toga. Ihre Hände, voller Risse, zitterten über dem makellosen Stoff.
„Ich habe Pharmazeutische Chemie studiert“, sagte er. „Ich habe in einem Forschungslabor gearbeitet. Ihr Vater, Julián, und ich waren Teil eines Projekts zur Entwicklung einer kostengünstigen Behandlungsmethode für die Wasserverschmutzung in ländlichen Gemeinden.“
Mateo runzelte die Stirn.