Nach einigen Wochen kehrte die Familie voller Trauer und Schmerz nach Mexiko-Stadt zurück.
Von da an begann Elena eine endlose Suche: Sie ließ Flugblätter mit dem Bild der Jungfrau von Guadalupe drucken, um neben dem Foto ihrer Tochter zu beten, wandte sich an Hilfsorganisationen wie Las Madres Buscadoras (Die suchenden Mütter) und reiste Gerüchten nach, um in die Nachbarstaaten zu gelangen. Doch alles erwies sich als Illusion.
Ihr Mann Javier erkrankte an dem Schock und starb drei Jahre später. Die Menschen in ihrem Viertel Roma Norte sagten, Elena sei sehr stark gewesen, weil sie allein weitermachte, ihre kleine Bäckerei betrieb und an der Hoffnung festhielt, ihre Tochter zu finden. Für sie war Sofía nie gestorben.
Acht Jahre später, an einem schwülen Aprilmorgen, saß Elena in der Tür ihrer Bäckerei, als sie den Motor eines alten Pick-ups anhalten hörte. Eine Gruppe junger Leute kam herein, um Wasser und Conchas (süße Brötchen) zu kaufen. Sie schenkte dem Ganzen kaum Beachtung – bis ihr Blick wie erstarrt stehen blieb. Auf dem rechten Arm eines der Männer prangte das Tattoo eines Mädchenporträts.
Die Zeichnung war schlicht, nur die Umrisse eines runden Gesichts, strahlender Augen und geflochtener Haare. Doch für sie war sie unverkennbar vertraut. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihr Herz; ihre Hände zitterten, und beinahe ließ sie das Glas kaltes Wasser fallen. Es war das Gesicht ihrer Tochter – Sofia.
Sie konnte sich nicht beherrschen und wagte zu fragen:
„Mein Sohn, dieses Tattoo … Wer ist das?“
Die Frage hing in der Luft, zitternd im Lärm der Straße und dem Duft von frisch gebackenem Brot.
Der junge Mann mit dem Tattoo erstarrte. Langsam senkte er den Arm, als sei ihm das Bild zu schwer geworden. Er sah Frau Elena in die Augen, und für einen Moment wich etwas aus seinem verhärteten Gesichtsausdruck. Er antwortete nicht sofort. Seine Freunde wechselten besorgte Blicke.
„Ich heiße Daniel“, sagte er schließlich. „Dieses Tattoo … gehört meiner Schwester.“
Elena fühlte, wie sich die Welt um sie herum drehte. Sie lehnte sich an den Türrahmen, um nicht zusammenzubrechen.
„Deine Schwester?“, flüsterte sie. „Wie hieß sie?“
Daniel schluckte.
„Sofia.“
Die Stille, die folgte, war absolut. Autos, Stimmen, selbst Vögel schienen zu verschwinden. Elena spürte, wie ihre Beine nachgaben. Acht Jahre voller Gebete, Suchen und schlafloser Nächte brachen mit diesem einen Wort zusammen.