Teil 1: Ich kam mit roten Tulpen, zwei First-Class-Tickets nach Paris und einem breiten Grinsen an, das ich nicht verbergen konnte.
Der Valentinstag hatte für Daniel und mich immer etwas Besonderes bedeutet.
Keine Blumen.
Keine Schokolade.
Paris.
Jahrelang hatte Daniel versprochen: „Eines Tages, Olivia, nehme ich dich mit dorthin und lasse dich all die furchtbaren Sitzungen vergessen, die wir überstanden haben.“
Dieses Jahr beschloss ich, es selbst in die Hand zu nehmen.
Doch als sich die Aufzugtüren im 42. Stock von Whitmore & Vale öffneten, brandete tosender Applaus durch den Flur.
Für einen kurzen Moment dachte ich, Daniel hätte meine Überraschung durchschaut und selbst eine vorbereitet.
Dann bemerkte ich den Champagnerturm.
Die silbernen Luftballons.
Und das riesige Banner, das sich über die Glaswand des Konferenzraums spannte.
HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH, DANIEL & VIVIENNE
Meine Finger umklammerten die Stiele der Tulpen fester.
Daniel stand in dem dunkelblauen Anzug, den ich ihm ausgesucht hatte, in der Nähe des Konferenzraums. Neben ihm stand Vivienne Shaw, die neu ernannte Geschäftsführerin des Unternehmens, in weißer Seide, die Hand trügerisch auf der Brust.
Bevor ich mich rühren konnte, beugte sich mein Mann vor und küsste sie.
Es war kein freundschaftlicher Kuss.
Er war langsam, innig und schmerzlich vertraut.
Die Angestellten applaudierten.
Dann hob Daniel Viviennes linke Hand an, und unter den Bürolampen blitzte ein großer Diamantring hervor.
Vivienne lachte.
„Ich habe Ja gesagt.“
Jemand aus der Menge rief: „Traumpaar!“
Mein Mann lächelte, als hätte er die Welt erobert.
Ich stand derweil etwa drei Meter entfernt, in der einen Hand eine Reise nach Paris, in der anderen einen Blumenstrauß.
Endlich bemerkte mich Daniel.
Sein Lächeln verschwand.
Vivienne folgte seinem Blick. Sein Gesichtsausdruck verriet keine Schuld.
Er verriet Berechnung.
Der Applaus verebbte, bis es im ganzen Saal still war.
„Olivia“, sagte Daniel.
Mein Name klang fast beleidigend aus seinem Mund.
Ich sah den Diamanten an, dann ihn.
„Herzlichen Glückwunsch.“
Sein Gesicht wurde blass.
„Das ist nicht so, wie es aussieht.“
„Es scheint, als hätte sich mein Mann gerade mit einer anderen Frau aus der Firma verlobt, die ich gegründet habe.“
Niemand rührte sich.
Vivienne hob das Kinn.
„Vielleicht sollten wir dieses Gespräch unter vier Augen führen.“
Ich lächelte sie an.
„Du hast dich für die Öffentlichkeit entschieden.“
Ich legte die Tulpen auf den Empfangstresen, öffnete die App der Fluggesellschaft und stornierte beide Tickets nach Paris, während Daniel zusah.
Sein Handy vibrierte.
Meins auch.
Die erste Benachrichtigung informierte mich darüber, dass unsere gemeinsamen Ehekonten eingefroren wurden.
Die zweite Nachricht kam von meinem Anwalt.
Auszahlungsantrag eingereicht. Wirksam ab sofort.