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Teil 2:
Alejandro wusste nicht, wie lange er im Türrahmen stand. Vielleicht drei Sekunden, vielleicht zehn, aber es reichte, um zu viele Dinge zu sehen: die leere Dose, das ausgetrocknete Fläschchen, Carmens verquollene Augen und Mateo, der mit der verzweifelten Kraft eines Babys weinte, das Armut noch nicht versteht, sie aber schon am eigenen Leib spürt.
Carmen blickte auf und wurde kreidebleich. Es war nicht nur Scham. Es war Angst. Eine direkte, spürbare Angst, als wäre Alejandro nicht ihr Chef, sondern jemand aus einem Teil ihres Lebens, den sie tief in ihrem Gedächtnis vergraben hatte. Sie drückte das Baby an ihre Brust und trat einen Schritt zurück.
„Herr Alejandro … ich … ich wusste nicht, dass Sie kommen“, sagte sie mit zitternder Stimme. „Es tut mir leid. Ich bin morgen früh wieder da. Bitte kündigen Sie mir nicht.“ Dieser letzte Satz traf ihn härter als alles andere. Er dachte nicht an den Marmor in seinem Haus, an die abgesagten Treffen oder an das Auto, das unten wartete. Er dachte daran, wie eine Frau mit einem hungrigen Baby immer noch nur daran dachte, ihren Job nicht zu verlieren, der sie gerade so über Wasser hielt.
Alejandro trat langsam ein, ohne viel vom Zimmer zu durchqueren, wie jemand, der einen Ort betritt, an dem er kein Recht hat, sich zu äußern. Er trug eine Apothekentasche. Babynahrung, Windeln, Kochsalzlösung, Feuchttücher, etwas Babynahrung. Einfache Dinge. Dinge, die, auf dem abgenutzten Tisch abgestellt, zu groß und zu spät wirkten.
„Ich bin nicht gekommen, um mich zu verabschieden, Carmen“, sagte er. „Ich bin gekommen, weil ich deinen Ruf gehört habe.“
Beschämt schloss sie die Augen. Lautlos rollte eine Träne über ihre Wange. Mateo weinte noch immer, schon müde, sein kleines rotes Gesicht an ihre Bluse gepresst. Carmen wollte etwas sagen, sich vielleicht noch einmal entschuldigen, aber sie konnte nicht. Sie saß nur auf der Bettkante, als ob ihr die Kraft ausgegangen wäre.
Alejandro bereitete die Flasche mit ungeschickten Bewegungen vor. Er hatte das noch nie zuvor gemacht. Er verschüttete etwas Wasser, las die Messskala zweimal ab und fühlte sich auf eine neue, kleine Weise nutzlos. Carmen lachte nicht. Sie deutete ihm kaum mit der Hand an, wie viel er einfüllen sollte, ohne ihn direkt anzusehen. Als Mateo die Flasche nahm, veränderte sich die Geräuschkulisse im Raum. Es war kein Weinen mehr. Es war ein kurzes, dringendes, trauriges Saugen.
Einige Minuten lang sprach niemand.
Dann murmelte Carmen:
„Du solltest nicht hier sein.“ Alejandro dachte, sie meinte es wegen der Gegend, der Armut, der Not. Doch als sie eine Schublade öffnete und einen gefalteten, alten Ordner mit Feuchtigkeitsflecken herausholte, verstand er, dass es etwas anderes war. Sie legte ihn aufs Bett, ohne das Baby loszulassen. Auf dem Einband stand ein Name in verschmierter Tinte: Diego Ramírez.