Karotten mit Borschtsch. Kürbis mit Grütze. Karottensaft, den sie Polina morgens gegeben hatte. Gedünstetes Gemüse mit Karotten war für Mittwoch geplant.
Ihre Hand bewegte sich langsam, als ob jede durchgestrichene Zeile sie etwas kostete.
Larisa half nicht und machte keine Vorschläge. Sie wartete.
„Was darf sie sonst noch nicht essen?“, fragte Sinaida Pawlowna schließlich.
Ihre Stimme war ruhig, sachlich, fast lehrerhaft.
Marina setzte sich neben sie und schlug die Mappe mit den Empfehlungen auf.
„Karotten, Kürbis, Sellerie und Petersilienwurzel. Im Frühling muss sie wegen Birkenpollen vorsichtig sein, aber das betrifft nicht das Essen.“
„Ich verwende keinen Sellerie. Ich gebe Petersilie in die Suppe.“
„Es geht um die Wurzel. Petersilie kann sie essen.“
Sinaida Pawlowna schrieb alles in Großbuchstaben auf. Genau wie sie es früher an der Tafel tat, wenn sie ihren Schülern ein neues Thema erklärte.
„Marina.“
„Ja?“
Ihre Schwiegermutter starrte einen Moment lang auf die offene Mappe.
„Ich habe dich nicht gefragt. Ich habe entschieden, was du tust und warum. Es war unangemessen.“
Sie sagte kein „Entschuldigung“. Stellvertretende Schulleiter entschuldigen sich nicht mit Worten. Sie ändern ihre Pläne.
Larisa sollte um vier Uhr nachmittags gehen. Im Flur knöpfte sie ihre Jacke zu und band ihren Schal um. Ihre Mutter stand neben ihr.
„Mama, ich gehe.“
„Geh. Danke, dass du gekommen bist.“
Larisa warf einen Blick in die Küche. Sinaida Pawlowna hatte den neuen Speiseplan für die kommende Woche an den Kühlschrank gehängt.
Darüber hing Polinas Allergenliste, in großer Handschrift auf ein separates Blatt Papier geschrieben. Beide Blätter wurden von einem sonnenblumenförmigen Magneten zusammengehalten.
Im untersten Fach des Kühlschranks standen Marinas Behälter, wie immer mit Filzstift beschriftet.
Neben ihnen stand plötzlich ein neuer Behälter. Unbeschriftet. Mit Borschtsch.
Larisa bemerkte ihn, als sie vor dem Gehen nach dem Wasser griff. Sie öffnete den Deckel.
Der Borschtsch war dickflüssig, auf Rote-Bete-Basis, mit einem Klecks saurer Sahne. Keine einzige orangefarbene Karottenscheibe war darin.
Sie schloss den Behälter und stellte ihn zurück. Sie sagte kein Wort.
Im Zug starrte sie aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Februarfelder. Grau, leer, durchzogen von Birkenreihen. Am Horizont zeichnete sich ein kleiner Wald ab, und Krähen kreisten über ihnen.
Der Waggon war fast leer. Ein älterer Mann auf der anderen Seite des Ganges döste, den Kopf auf eine gefaltete Zeitung gestützt. Irgendwo dahinter las eine Frau einem Kind eine Geschichte vor.
Nur Satzfragmente erreichten Larisa.
– Und dann begriff sie es …
Larisa dachte an Marina, die am Sonntag in der Küche gestanden hatte. An ihrem einzigen freien Tag, an dem andere Frauen in ihrem Alter bis zehn schliefen, Kaffee tranken und auf ihre Handys schauten.
Marina schnitt Gemüse, kochte Brühe und beschriftete die Behälter mit einem Filzstift, den sie in ihrer Jackentasche trug, neben dem Stift, mit dem sie ihre Einsatzberichte ausfüllte.
Larisa holte ihr Handy heraus und begann ein Gespräch mit ihrem Bruder.
„Andrei, weißt du, dass Marina dir jeden Sonntag Brühe kocht?“
Die Antwort kam eine Minute später.
„Natürlich weiß ich das. Sie macht das schon seit vier Jahren. Was?“
„Nichts. Ich wollte nur mal nachfragen.“
Sie steckte ihr Handy weg und schloss die Augen.
Manchmal leisten die stillsten Familienmitglieder am meisten für alle. Und sie sind die Ersten, die die Schuld bekommen, weil sie nicht darüber reden, was sie tun.
Sie beschriften einfach die Behälter. Mit einem Filzstift, in kleiner Handschrift.
Und dann stellen sie sie ins unterste Regal.
Wo niemand hinsieht.
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