Um Mitternacht erhielt ich einen Anruf aus dem Krankenhaus. Sie hatten meine Tochter in der Notaufnahme zurückgelassen, verprügelt von einer Gruppe unantastbarer Erben, einer Clique von Studienfreunden.

Sechs Monate später.

Die tiefstehende Sonne über den schneebedeckten Alpen warf lange, goldene Schatten auf den makellosen Campus der Universität Zürich. Maya durchquerte den tadellos gepflegten Innenhof, einen Stapel Kunstgeschichtebücher fest umklammert. Sie lachte mit ihren Freundinnen, ihr Gesicht war vollständig genesen, ihre Augen strahlten vor Unbeschwertheit. Unter dem Namen „Elena“ genoss sie ihr Leben in vollen Zügen, überzeugt davon, dass ihre Mutter lediglich eine sehr lukrative Stelle als internationale Blumenberaterin angenommen hatte – ein Job, der viel Reisen erforderte.

Sie blickte zum Himmel auf, schloss die Augen, um sich vor der kühlen Brise zu schützen, und lächelte, als spüre sie einen Schutzengel, nur wenige Herzschläge entfernt.

Meilenweit entfernt, auf einem frostigen, windumtosten Dach mit Blick auf das kristallklare Wasser des Zürichsees, justierte ich die Vergrößerung meines Teleskops. Durch das starke Objektiv sah ich ihr Lächeln. Eine tiefe, strahlende Wärme durchströmte meine Brust; eine Wärme, die keine Geheimoperation, kein Blut, kein Eis jemals auslöschen konnte. Ich war in Sicherheit.

Mein verschlüsseltes Prepaid-Handy vibrierte in der taktischen Tasche an meinem Oberschenkel. Ich zog es heraus. Eine kurze SMS von Miller:

Neues Ziel identifiziert. Standort: Singapur. Bereit?

Ich antwortete nicht. Ich steckte das Handy in die Tasche und begann, das schwere, schallgedämpfte Scharfschützengewehr, das auf seinem Zweibein stand, zu zerlegen. Lauf, Schaft und Zielfernrohr packte ich in einen unauffälligen Geigenkasten aus Kohlefaser. Bevor ich den Kasten schloss, warf ich einen Blick auf einen kleinen, zerbrechlichen Gegenstand, der an der Innenseite des Griffs befestigt war.

Es war eine kleine, getrocknete, gepresste Calla. Ein Andenken an einen verschwundenen Laden, von einer Frau, die starb, damit ihre Mutter leben konnte.

„Ich bin der Dorn, der die Rose beschützt“, flüsterte ich in den eisigen Wind, als ich den Kasten zuschlug. „Und ich bin immer bereit.“

Ich stand auf und schlug den Kragen meines dunklen Mantels hoch, um mich vor der Kälte zu schützen. Als ich mich der Dachzugangstür zuwandte, streifte meine Hand etwas Steifes in meiner Jackentasche. Ich runzelte die Stirn. Ich griff hinein und zog eine kleine, dicke Karte mit Goldrand heraus.

Ich hatte sie nicht dort hineingelegt. Jemand hatte sie heimlich an meinem Sicherheitsbereich vorbeigeschmuggelt.

Ich öffnete sie. Es war eine Einladung zu einer exklusiven Privatgala in Singapur, geschrieben in eleganter, fließender Kalligrafie. Am unteren Rand stand eine handgeschriebene Notiz in roter Tinte:

Wir haben dich erwartet, Raven. Die Sache mit Sterling war nur ein Vorsprechen.

Ich starrte auf die rote Tinte, ein langsames, beängstigendes Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Sie dachten, sie würden eine Freundin einladen. Sie ahnten nicht, dass sie gerade den Henker herbeigerufen hatten. Diesmal würde ich keine Million Dollar brauchen. Ich bräuchte nur mehr Handschuhe.

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