Der kleine Junge erreichte das Haus seines Onkels. Er kroch über die Fußmatte, ein Bein hinter sich verdreht, während seine dreijährige Schwester sich an ihr T-Shirt klammerte, als wäre es ihr letzter Halt am Leben.
Marc Delattre begriff nicht sofort, was er sah. Er hockte vor der Tür seines kleinen Hauses in Montreuil, den Schraubenzieher in der Hand, und reparierte den verdammten Türknauf, der seit dem Winter knarrte. Leichter Regen fiel auf das Kopfsteinpflaster des Hofes, dieser graue, typische Pariser Vorstadtregen, der an Mänteln klebt und dem Tagesausklang einen Hauch alter Traurigkeit verleiht. Seine Finger waren kalt, seine Knie nass, und seine Gedanken waren woanders.
Wie so oft kreisten sie um seinen Bruder.
Thomas hätte gelacht, wenn er ihn mit drei Schrauben und einem IKEA-Türknauf kämpfen gesehen hätte. Er hätte ihn mit dieser leichten Stimme verspottet, mit der man den Eindruck erweckt, einem könne nichts wirklich etwas anhaben.
Thomas war seit drei Jahren tot.
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Ein Herzinfarkt in der RER-Linie A, an einem Dienstagmorgen zwischen Vincennes und Nation. Fünfunddreißig Jahre alt, zwei Kinder, ein Rucksack voller Bauunterlagen, eine Nachricht, die er seiner Frau nie geschickt hatte, und dann nichts mehr. Marc vergaß nie den Anruf aus dem Krankenhaus Saint-Antoine. Er vergaß auch nie das ernste Gesicht von Sonia, Thomas’ Witwe, die vor dem Sarg stand, die Hände fest in ein weißes Taschentuch geklammert, und jedem, der es hören wollte, sagte, sie würde alles tun, um die Kinder zu beschützen.
Kinder.
Hugo war damals drei Jahre alt. Inès war noch ein Baby mit blonden Locken und Pausbäckchen, das Thomas ständig küsste.
Marc versuchte, für sie da zu sein. Zuerst fuhr er mit Lebensmitteln, Kleidung, Geburtstagsgeschenken, Eintrittskarten für den Vergnügungspark Tuilerien, Büchern und Windeln, als Inès noch welche brauchte, an Sonias Haus in Bagnolet vorbei. Er rief an und bot an, auf die Kinder aufzupassen, das Mittagessen für sie zu bezahlen und sie zu Arztterminen zu begleiten.
Sonia hatte immer eine Ausrede.
„Sie schlafen.“
„Hugo hat Fieber.“
„Inès weint immer, wenn sie dich sieht; es erinnert sie zu sehr an ihren Vater.“
„Du verstehst, Marc, sie müssen ihr Leben neu aufbauen, nicht in der Vergangenheit verharren.“
Er zog sich zurück. Nicht aus Gleichgültigkeit. Aus Angst vor weiterem Leid. Aus Respekt vor der Witwe, die erschöpft wirkte. Aus Feigheit, wie er später verstand, jener sanften Feigheit, die man manchmal „sich Zeit lassen“ nannte.
An diesem Abend, als er hinter sich ein leises Rascheln hörte, dachte er zuerst, es sei ein Pappkarton, der vom Wind verweht wurde.
Dann drehte er sich um.
Die Welt brach zusammen.
Der sechsjährige Hugo drängte sich die drei Stufen der Veranda hinauf. Sein Gesicht war weiß vor Schmutz, seine Lippen rissig, und sein schwarzes Haar klebte ihm an der Stirn. Sein rechtes Bein schleifte steif und geschwollen hinter ihm her, in einem Winkel, der Marc aufschreien ließ. Inès drückte sich an seinen Rücken und klammerte sich mit beiden Händen an den durchnässten Stoff seines T-Shirts. Ihre blonden Locken waren verstrubbelt, und ihre Augen wirkten zu groß für ihr kleines, eingefallenes Gesicht.
Marc ließ den Schraubenzieher fallen. Mit zwei Schritten überquerte er den Hof.
„Hugo … Gott … Hugo, was ist passiert?“
Der Junge sah ihn an. Er versagte beinahe die Stimme.
„Sie hat uns wieder unten eingesperrt.“
„Schon wieder.“
Das Wort traf Marc wie ein Messerstich.
Zuerst hob er Inès in seine Arme. Sie wog fast nichts. Ihr kleiner Körper war eiskalt, doch sie weinte nicht. Sie starrte in Marcs Manteltasche, aus der eine halb aufgegessene Kekspackung hervorlugte. Dann ging er zurück zu Hugo und hob ihn ungeschickt und vorsichtig hoch, wobei er sein Bein so gut wie möglich stützte. Das Kind biss sich so fest in die Wange, dass ein kleiner Blutstropfen aus seinem Mundwinkel trat, aber es schrie nicht auf.
Marc wünschte, es hätte geschrien. Die Stille eines Kindes, das gelernt hat, keinen Ärger zu machen, ist beängstigender als jeder Schrei.
Er legte sie auf das Sofa im Wohnzimmer. Sein Haus war klein, mit einer offenen Küche, Familienfotos auf einem Regal und einer alten bretonischen Decke über der Lehne eines Sessels. Er wickelte die Kinder in Decken und gab Inès einen Keks. Sie griff ihn mit beiden Händen und versuchte, ihn zu schnell hinunterzuschlucken. Hugo, halb liegend, klopfte ihr sanft auf den Rücken.
„Vorsichtig, Nénette. Ganz vorsichtig. Sonst bekommst du Bauchweh.“
Marc erstarrte.
Ein Sechsjähriger sollte nicht wissen, wie man ein hungriges Mädchen füttert wie ein erfahrener Erwachsener.
Er zog sein Handy heraus.
„Ich rufe den Krankenwagen.“
Hugo richtete sich abrupt auf, sein Gesicht verzerrte sich vor Angst.
„Nein! Sie wird sehr wütend sein.“
Marc kniete vor ihm nieder. Seine Hände zitterten.
„Sie wird dich nie wieder anfassen.“
„Sie hat gesagt, wenn wir reden, sehen wir Papa nie wieder.“
Marc spürte, wie sein Herz ein zweites Mal brach.
„Dein Papa würde niemals wollen, dass du schweigst.“
Er wählte den Notruf. Als die Notrufzentrale abnahm, sagte er:
„Das Telefon gehört nicht.“
„Mein Neffe und meine Nichte sind gerade bei mir angekommen. Der Junge hat sich wahrscheinlich ein Bein gebrochen. Das Mädchen ist sehr schwach. Sie sagen, sie seien im Keller eingesperrt.“
Die Notrufzentrale stellte Fragen. Adresse. Alter. Atmung. Akutgefahr. Marc antwortete so gut er konnte.