Clare Mercer, Rachels jüngere Schwester, beschloss, sofort zu handeln. Sie setzte sich ins Auto und fuhr zu Rachels Wohnung in Asheville. Ihr Herz raste, als sie die Treppe zu der bescheidenen Wohnung hinaufstieg, die Rachel gemietet hatte. Zu ihrer Überraschung war die Wohnung in perfektem Zustand. Das Bett war gemacht, das Geschirr ordentlich in der Küche eingeräumt und unbezahlte Rechnungen lagen auf dem Tisch – alles deutete darauf hin, dass Rachel mit der Absicht gegangen war, zurückzukehren, nicht um zu fliehen. Es gab keine Anzeichen von hastigem Packen, keine herumliegenden Habseligkeiten. Dies bestätigte Clares Vermutung, dass etwas passiert sein musste.
Mutter und Tochter, Margaret und Clare, setzten ihre Suche allein fort. Sie riefen Rachels Freunde an, Krankenhäuser, Orte, die Rachel früher oft besucht hatte, Obdachlosenheime und sogar Polizeistationen in den umliegenden Städten, aber niemand hatte sie seit jenem Morgen an der Raststätte gesehen. Jede Stunde ohne Kontakt verstärkte ihre Angst. Als die Uhr Mitternacht näher rückte, verwandelte sich die Angst in eine echte, lähmende Furcht.
Als schließlich die Dunkelheit über Asheville hereinbrach und die Stadt in die Stille der Nacht versank, trafen Margaret und Clare eine dramatische Entscheidung. Am 14. September 2003 um 0:18 Uhr betraten sie das Büro des Sheriffs von Bunkham County. Ihre Gesichter waren blass, und ihre Stimmen zitterten vor Aufregung, als sie dem diensthabenden Beamten mitteilten, dass Rachel Mercer spurlos verschwunden war. Sie flehten die Polizei an, sofort mit der Suche zu beginnen, bevor jede Spur von ihr vollständig verschwand. Ihr Flehen war verzweifelt, aber auch voller Hoffnung, dass die Behörden noch rechtzeitig eintreffen würden. Rachel war weder Opfer einer Entführung noch eines brutalen Angriffs geworden. All die Jahre hatte sie getrennt von ihrer Familie gelebt und sich unter falschem Namen versteckt. Als die Beamten an ihre Tür klopften, weigerte sie sich zunächst zu sprechen, gestand aber schließlich die Wahrheit. Sie war entsetzt über das, was sie herausgefunden hatte, aber gleichzeitig, wie sie später den Ermittlern erzählte, hatte sie jahrelang in ständiger Angst vor den Konsequenzen ihrer Entscheidung gelebt.
Warum Rachel weglief und was 18 Jahre lang geschah
Es stellte sich heraus, dass die Gründe für Rachels Flucht viel komplexer waren als erwartet. Rachel wollte sich eigentlich keiner Suchtbehandlung stellen. Sie fürchtete, in der Klinik auf Menschen zu treffen, die sie verurteilen würden, dem Druck der Therapie nicht standzuhalten und ihre Mutter, ihre Schwester und die Justiz zu enttäuschen. Außerdem befürchtete sie, dass ihr Name für immer mit ihrem Alkoholproblem in Verbindung gebracht werden würde, was ihr in Zukunft viele Türen verschließen könnte – beruflich wie privat. In diesem Moment, auf einem Parkplatz stehend, beschloss sie, ihr Glück zu versuchen.
Sie stieg in einen fremden LKW, der Richtung Westen fuhr. Der Fahrer, der Verständnis für ihre Situation hatte, nahm sie ohne Fragen als illegale Beifahrerin mit. Sie reiste mehrere Tage lang quer durch die Vereinigten Staaten und landete schließlich am anderen Ende des Landes. Dort begann sie ein neues Leben – sie änderte ihren Namen, besorgte sich neue Dokumente und nahm eine Stelle in einer Kleinstadt an, wo sie niemand kannte. Mit der Zeit ließ sie sich dauerhaft nieder, gewann das Vertrauen ihrer Nachbarn und schloss sogar neue Freundschaften. All die Jahre lebte sie in dem Glauben, dass ihre Familie und die Polizei die Suche nach ihr aufgegeben hatten und dass sie eine zweite Chance verdient hatte.