Immer wieder pfiff der Wind, wirbelte kleine Staubwolken auf und ließ die trockenen Blätter der Büsche in der kargen Landschaft rascheln.
Beatriz senkte den Kopf, das Kinn auf der Brust. Die Tränen flossen weiter, nun leiser. Sie hatte keine Kraft mehr zu schreien. Ihre Kehle war trocken und heiser, jeder Atemzug schmerzte. Das blaue Kleid mit den weißen Blumen, das sie am Morgen so sorgfältig ausgesucht hatte, war nun staubbedeckt, und in der Hitze klebte der Stoff unangenehm an ihrer Haut. Sie dachte an Raúl, ihren verstorbenen Mann.
Was hätte er gesagt, hätte er das alles gesehen? Hätte er gesehen, was seine Kinder, die Kinder, die er von ganzem Herzen geliebt hatte, ihrer Mutter antaten, dann rührte der Schmerz in seiner Brust nicht nur von der Hitze oder den Seilen her, mit denen ihre Arme gefesselt waren. Es war ein tieferer, instinktiverer Schmerz. Es war der Schmerz eines Verrats, der seine Seele durchbohrte. Die Sonne stieg unaufhörlich höher am aschgrauen Himmel. Beatriz spürte, wie ihre Haut in der prallen Sonne brannte. Ihre Lippen wurden immer trockener. Der Durst machte sich bemerkbar, ein brennendes Gefühl in ihrem Hals, von dem sie wusste, dass es mit jeder Stunde schlimmer werden würde. Wie lange würde es dauern, bis jemand ihren Körper fand? Tage, Wochen, vielleicht nie.
Die Straße war offensichtlich verlassen, vom Fortschritt vergessen. Die gelben Linien auf dem Asphalt waren fast vollständig abgefahren. Tiefe Risse durchzogen den Asphalt, wo verwelktes Unkraut wuchs. Seit Langem war kein einziges Fahrzeug mehr gesehen worden. Ein Geier begann über der Gegend zu kreisen.
Beatriz betrachtete ihn mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen. War es möglich, dass sein Leben so enden würde? Nach 78 Jahren voller Kampf, Liebe und Opferbereitschaft sollte er mitten in der Wüste als Geierfutter enden? Sie schloss die Augen und versuchte, das Bild des Greifvogels, der geduldig in der Luft kreiste, zu verdrängen. Erinnerungen stiegen in ihr auf. Erinnerungen an glücklichere Zeiten. Sie erinnerte sich an den Tag, als sie Raúl auf einem Dorffest kennengelernt hatte, mit gerade einmal zwanzig Jahren. Er sah so gut aus in seinem dunklen Anzug, mit seinem schüchternen Lächeln. Sie hatten sich fast augenblicklich verliebt, auf diese intensive und reine Weise, die nur junge Menschen erleben können.
Sie erinnerte sich an ihre Hochzeit, eine schlichte, aber wunderschöne Zeremonie in der kleinen Kirche ihres Dorfes. Sie hatten nicht viel Geld, aber sie hatten Liebe. Und in diesem Moment hatte das genügt. Sie waren an diesem Tag so glücklich gewesen, voller Hoffnung und Träume von der Zukunft, die sie gemeinsam gestalten würden. Sie erinnerte sich an Rodrigos Geburt, die 27 Stunden Wehen, die sie klaglos ertragen hatte, weil sie wusste, dass sie ihr Baby endlich in den Armen halten würde.
Und als sie ihn endlich sah, so klein, so perfekt, mit seinen kleinen Fingern und dem faltigen Gesicht, wusste sie, dass sie ohne zu zögern ihr Leben für ihn geben würde. Drei Jahre später wurde Patricia geboren. Eine weitere schwere Geburt, doch es hatte sich gelohnt, als sie sie ihm auf die Brust legten und sie die überwältigende Liebe spürte, die nur eine Mutter für ihr Kind empfinden kann.
Ihre Familie war nun vollständig. Raúl arbeitete hart in der Fabrik, und sie kümmerte sich um Haus und Kinder und sorgte dafür, dass es ihnen an nichts fehlte. Wann hatte sich alles verändert? Wann waren ihre lieben Kinder zu diesen kalten, berechnenden Fremden geworden, die sie in der Wüste zurückgelassen hatten? Beatriz kramte in ihren Erinnerungen, suchte nach dem genauen Moment, in dem alles schiefgelaufen war.
Vielleicht war es, als Rodrigo sein Studium begann. Er hatte ein Stipendium für ein Ingenieurstudium in der Großstadt erhalten. Er war für seine Semesterferien zurückgekehrt, aber jetzt war alles anders. Er sprach über Dinge, die sie nicht verstand, über Chancen und Erfolg, über Geldverdienen und sozialen Aufstieg.