„Walja, sei bloß nicht schon vorher nervös“, sagte Nachbarin Lidija Pawlowna leise am Eingang, als das Auto in der Nähe des Hauses hielt.
Valentina hob ihren müden Blick zu ihr.
– In welchem Sinne?
Die Nachbarin zögerte, rückte den Riemen ihrer Tasche zurecht und wandte den Blick ab.
– Ja, ich… vielleicht habe ich alles falsch verstanden…
Aber sie beendete den Satz nicht.
Es war dieses kurze Schweigen, das plötzlich viel unangenehmer schmerzte als jedes Wort.
Nach dem Friedhof nahm Valentina kaum noch etwas um sich herum wahr. Der Tag zog sich endlos dahin wie ein grauer, schwerer Klumpen. Menschen kamen auf sie zu, umarmten sie und sagten die richtigen Worte. Manche weinten. Manche erinnerten sich an ihren Mann Igor. Manche sprachen bereits über die Beerdigung.
Und sie starrte immer wieder auf einen Punkt und dachte nur an eines – schnell nach Hause zu kommen.
In die Stille.
Ohne die Stimmen anderer.
Ohne Mitleid.
Ohne endlose Blicke.
Zweiunddreißig Jahre Ehe endeten mit einem geschlossenen Sarg und nasser Erde.
Als das Auto weggefahren war, näherte sich Valentina langsam dem Eingang.
Und sie hielt sofort an.
Neben der Tür standen noch die Kisten anderer Leute.
Große.
Mit Klebeband fest verschlossen.
In der Nähe befinden sich zwei Koffer.
Kinderfahrrad.
Taschen mit Dingen.
Sie runzelte die Stirn.
Zuerst dachte ich sogar, jemand hätte die Böden vertauscht.
Neben dem Teppich lag jedoch die vertraute Sporttasche ihrer Schwägerin.
Valentina hob langsam den Kopf.
In der Wohnung war lautes Gelächter zu hören.
Sie holte die Schlüssel heraus.
Die Hand wurde plötzlich schwer.
Das Schloss ließ sich nicht sofort drehen.
Und als sich die Tür öffnete, blieb Valentina einfach ein paar Sekunden lang auf der Schwelle stehen.
Im Flur hingen auch die Jacken anderer Leute.
Im Schuhregal standen unbekannte Turnschuhe.
In der Ecke standen Kinderspielzeuge.
Aus der Küche waren Stimmen zu hören.
– Nein, es ist besser, dieses Zimmer den Kindern zu geben.
– Selbstverständlich. Und das Kleine wird Valentina Pawlowna genügen.
– Sie braucht nicht mehr viel allein.
Valentinas Wange zuckte langsam.
Sie machte einen Schritt nach vorn.
In der Küche saßen die Schwiegermutter, die Schwägerin Oksana, ihr Ehemann und zwei Teenager.
Auf dem Tisch standen Teller.
Lebensmittelbehälter öffnen.
Der Wasserkocher machte ein so leises Geräusch, als wäre es ein ganz normaler Familienabend.
Ihre Schwiegermutter bemerkte sie als Erste.
Nina Sergejewna hob den Blick, und darin war kein Funken Verwirrung zu erkennen.
Nur kalte Gelassenheit.
Es war, als wäre Valentina in eine andere Wohnung gekommen und hätte ein Gespräch unterbrochen, das schon eine ganze Weile im Gange war.
„Hier ist Valya“, sagte die Schwiegermutter mit ruhiger Stimme.
Oksana wandte den Blick schnell ab.
Doch ihr Mann saß weiterhin ausgestreckt da.
Die Teenager verstanden überhaupt nicht, was vor sich ging.
Valentina zog langsam ihre Handschuhe aus.
Ich habe sie auf den Nachttisch gelegt.
Und ganz ruhig fragte sie:
— Was ist hier los?
Es herrschte Stille.
Nina Sergejewna seufzte als Erste.
— Wir haben beschlossen, vorerst hier zu bleiben.
— Wer ist dieses „wir“?
– Familie.
– Das ist meine Wohnung.
„Fangt bloß nicht damit an“, unterbrach die Schwiegermutter trocken. „Heute ist nicht der Tag für Skandale.“
Valentina sah sie einige Sekunden lang schweigend an.
Dann wandte sie ihren Blick den Kisten zu.
Über Dinge.
Über Kinder.
Auf offenen Schränken im Flur.
Und etwas in mir veränderte sich schlagartig.
Kein Schmerz.
Keine Tränen.
Etwas anderes.
Sehr kalt.
— Wer hat Ihnen die Schlüssel gegeben?
Oksana strich sich nervös durchs Haar.
— Meine Mutter hatte auch ein Set.
– Ich frage dich nicht.
Die Schwiegermutter richtete sich auf.
— Igor hat mir die Schlüssel vor vielen Jahren gegeben.
— Für Notfälle. Nicht für Umzüge.
– Übertreib es nicht.
Valentina lächelte plötzlich kurz.
Es war so still, dass sich selbst Oksana bei diesem Gelächter unwohl fühlte.
— Übertreib doch nicht! Ich habe heute meinen Mann beerdigt. Ich komme nach Hause und du teilst schon wieder die Zimmer auf?
Nina Sergejewna drückte ihre Handfläche auf die Tasse.
„Igor ist tot. Wir müssen an die Zukunft denken.“
— Wessen Zukunft? Deine?
— Über Familie.
– Das ist nicht Ihre Wohnung.
Die Schwiegermutter stellte die Tasse abrupt auf den Tisch.
— Die Wohnung wurde während der Hochzeit meines Sohnes gekauft.
— Mit dem Geld aus dem Verkauf der Wohnung meines Vaters.
— Auch Igor hat einen Beitrag geleistet.
— In den Stromrechnungen?
Oksana stand schnell auf.
– Valya, warum jetzt…
„Und jetzt halt einfach den Mund“, fuhr Valentina sie an. „Das ist jetzt schon das dritte Mal, dass du versuchst, deine Wohnprobleme auf Kosten anderer zu lösen.“
Oksanas Ehemann runzelte die Stirn.
– Lasst uns niemanden beleidigen.
Valentina wandte sich ihm zu.
— Und wer sind Sie überhaupt in meiner Wohnung?
Er wandte den Blick sofort ab.
Nina Sergejewna erhob sich vom Tisch.
Du trauerst jetzt und verstehst es nicht…
– Nein. Du bist es, der es nicht versteht.
Valentinas Stimme wurde plötzlich schroff.
So sehr, dass die Teenager wie erstarrt waren.
— Während ich am Grab meines Mannes stand, schleppten Sie Koffer hierher?
Die Schwiegermutter ist ausgerastet.
Wage es ja nicht, in diesem Ton mit mir zu reden!
— Wie soll ich Sie kontaktieren? Haben Sie die Betten schon zugeteilt?
— Wir wollten helfen!
— Womit denn? Mich aus meiner eigenen Wohnung rauswerfen?
Oksana zupfte nervös an dem Ärmel ihres Mannes.
– Fürs Erste gehen wir…
Doch Nina Sergejewna war bereits aufgebracht.
„Niemand wirft dich raus! Wir müssen jetzt einfach zusammenleben! Unterstützt euch gegenseitig!“
– NEIN.
– Was soll das heißen, nein?
– Hier wirst du nicht wohnen.
Die Schwiegermutter kniff die Augen zusammen.
– Das werden wir sehen.
Valentina drehte sich langsam um und sah sie an.
Und es war dieser ruhige Blick, der Oksana plötzlich einen Schritt zurückweichen ließ.
„Nein, Nina Sergejewna. Sie werden zusehen. Ihre Kisten werden in einer Stunde von hier weggebracht.“
– Wie kannst du es wagen?!
– Ganz einfach.
– Nach dem Tod meines Sohnes haben Sie beschlossen, mich auf die Straße zu setzen?!
— Kein Grund, so ein Theater zu machen. Du hast doch eine Wohnung.
– Klein!
– Aber das sind nicht meine Probleme.
Igor würde niemals…
— Igor ist gestorben.
Der Satz traf den Raum so hart, dass alle verstummten.
Sogar der Wasserkocher hat aufgehört, Geräusche zu machen.
Valentina stand mitten in der Küche, blass, müde, in einem schwarzen Mantel, nach dem Friedhof.
Und zum ersten Mal an diesem Tag zitterte ihre Stimme.
— Und während ich meinen Mann beerdigte… hast du mein Leben schon in Zimmer aufgeteilt.
Die Schwiegermutter wandte sich ab.
Aber Valentina hatte bereits alles gesehen.
Diese Kisten wurden heute nicht abgeholt.
Sie hatten sich im Voraus vorbereitet.
Wir haben darüber gesprochen.
Wir haben es geplant.
Wir warteten.
Es war, als hätte man sie schon von vornherein abgeschrieben.
Als temporäre Figur.
Als eine Frau, die nach dem Tod ihres Mannes zufrieden, still und gebrochen wird.
Und er wird nachgeben.
Nina Sergejewna versuchte erneut, ruhiger zu sprechen.
— Valya… du bist jetzt allein. Das ist schwer für dich. Wir sind für dich da.