Chronischer Schlafmangel, vom Stress verspannte Schultern, Liter von abgestandenem Kaffee in Plastikbechern.
Olesja nahm die unerquicklichste Arbeit auf sich: Sie prüfte Lieferketten, analysierte Subunternehmer der Konkurrenz.
Sie wühlte sich so gründlich durch die Unterlagen, wie es kein einziger festangestellter Spezialist tat, der es gewohnt war, nur von Arbeitsbeginn bis Arbeitsende zu funktionieren.
Gerade ihre Hartnäckigkeit spielte die Schlüsselrolle.
Als sie die Berichte von „Stroj-Grupp“ in offenen Datenbanken analysierte, stieß Olesja auf ein merkwürdiges Muster.
Schanna Arkadjewna hatte ihr Imperium darauf aufgebaut, das Geld kleiner Auftragnehmer zurückzuhalten.
Monatelang zahlte sie für erledigte Arbeiten unter vorgeschobenen Gründen nicht, drehte diese Summen auf neuen Projekten weiter.
Kleine Firmen gingen bankrott, weil sie nicht in der Lage waren, gegen den Konzern zu klagen.
Übrigens vertrat genau die Interessen solcher betrogener Bauunternehmer im letzten Jahr Ilja, nachdem er endgültig in den juristischen Schutz kleiner Unternehmen gewechselt war.
Olesja führte die Daten zusammen, beschaffte Auszüge und begriff: Die Firma von Schanna Arkadjewna litt unter einem kolossalen Liquiditätsmangel.
Alles hielt sich nur durch Ehrenwort und die Angst der Gläubiger.
Sie legte die rote Mappe auf den massiven Schreibtisch von Waleri Ignatjewitsch.
Er studierte die Berechnungen vierzig Minuten lang.
Im Büro herrschte klingende Stille.
Schließlich hob er den schweren Blick zu ihr.
— Wenn wir jetzt über Treuhandfirmen diese Forderungen aufkaufen und die sofortige Rückzahlung verlangen … dann wird sie gezwungen sein, das Kontrollpaket der Aktien für einen Spottpreis abzugeben, um nicht wegen Machenschaften vor Gericht zu landen.
Verstehen Sie, was Sie da ausgegraben haben, Mädchen?
Olesja nickte schweigend.
Und nun, einen Monat nach den kompliziertesten juristischen Manövern, stand sie in diesem kalten, von Spannung durchdrungenen Konferenzsaal.
Waleri Ignatjewitsch, der zum neuen Hauptaktionär geworden war, hatte sie als seine persönliche Vertreterin geschickt, um den Machtwechsel zu dokumentieren.
Schanna Arkadjewna, die erst jetzt das ganze Ausmaß ihrer Niederlage begriffen hatte, beschloss, ihre ganze Wut zum Abschied an derjenigen auszulassen, die sie für die Ursache all ihrer Prüfungen hielt.
— Warum stehst du noch?
Auf die Knie, — zischte die Schwiegermutter und nahm den Fuß nicht weg.
Die Direktoren duckten die Köpfe zwischen die Schultern.
Jemand hustete nervös.
Ilja riss sich wieder nach vorn, doch Olesja sah ihn so fest an, dass er an Ort und Stelle erstarrte.
Sie machte keinen Skandal.
Sie erhob nicht die Stimme.
Olesjas Gesicht blieb vollkommen ruhig, ohne den Hauch von Kränkung oder Erstarrung.
Sie öffnete ihre Aktentasche und nahm ein Päckchen dicker Papierservietten heraus.
Langsam ging sie auf den Sessel der Schwiegermutter zu.
Sie sank auf ein Knie.
Aus der Nähe roch es nach teurem Leder und Schuhcreme.
Olesja wischte mit zwei präzisen Bewegungen sorgfältig den Schmutz von der Spitze des Wildlederstiefels.
Dann zerknüllte sie die Serviette.
Anschließend stand sie genauso gemächlich wieder auf, ging zum Papierkorb und warf den Papierball hinein.
Sie richtete ihren strengen Rock und drehte sich zum Tisch um.
— Ich habe Ihren Auftrag ausgeführt, Schanna Arkadjewna, — ihre Stimme klang ruhig und erfüllte jeden Winkel des verstummten Saales.
— Und jetzt habe ich eine offizielle Mitteilung von der neuen Leitung.
Olesja nahm aus der Aktentasche genau jene rote Mappe und legte sie vor die Schwiegermutter.
— Waleri Ignatjewitsch hat mir den Posten der operativen Direktorin des Konzerns angeboten.
Aber ich lehne ab.
Ich bin nicht hier, um mein Selbstwertgefühl zu streicheln oder an Firmenkriegen teilzunehmen.
Meine Arbeit als Analystin ist beendet.
Aber gemäß den heute unterzeichneten Unterlagen, Schanna Arkadjewna, sind Sie ab diesem Moment von der Position der Generaldirektorin entbunden.
Die Schwiegermutter zuckte zusammen, als hätte man sie mit kaltem Wasser übergossen.
— Ihre Methoden der Geschäftsführung — Erpressung, Verzögerung von Zahlungen und die Ruinierung von Partnern — haben das Unternehmen an einen kritischen Punkt geführt, — fuhr Olesja fort.
— Allen Auftragnehmern, deren Interessen Ihr Sohn jetzt vertritt, werden die Schulden bis Ende der Woche vollständig zurückgezahlt.
Die Sitzung des Vorstands ist geschlossen.
Schanna Arkadjewna erhob sich langsam.
Ihr Gesicht, sonst immer gepflegt und hochmütig, bekam plötzlich Flecken.
Sie ließ den Blick über ihre Untergebenen schweifen — niemand hob die Augen.
Sie sah Ilja an — ihr Sohn sah seine Verlobte mit unglaublichem Stolz und Respekt an.
Die Frau, die die ganze Stadt in Spannung gehalten hatte, wirkte plötzlich sehr klein und müde.
Ohne ein Wort zu sagen, griff sie nach ihrer Handtasche und verließ den Saal mit schnellen Schritten.
Am Abend desselben Tages setzte starker Regen ein.
Er peitschte gegen die Fensterscheiben der alten Mietwohnung, in der Olesja und Ilja im letzten Jahr gelebt hatten.
Das Mädchen saß in der Küche und umfasste mit den Händen eine heiße Tasse Tee.
Ihre Finger zitterten leicht — das Adrenalin ließ endlich nach.
— Du hast ihr System einfach eingerissen.
Du hast sie auf ihrem eigenen Feld geschlagen, — sagte Ilja leise, setzte sich neben sie und legte den Arm um ihre Schultern.
— Ich habe in meinem Leben noch nie etwas Stärkeres gesehen.
Es klopfte an der Tür.
Kurz, unsicher.
Sie sahen einander an.
Ilja ging in den Flur und öffnete mit einem Klick das Schloss.
Auf der Schwelle stand Schanna Arkadjewna.
Ohne Regenschirm.
Ihr helles Haar war nass geworden und klebte an ihren Wangen, der teure Mantel war vom Wasser dunkel geworden.
Olesja kam aus der Küche und trocknete sich die Hände am Handtuch ab.
— Ich bin nicht gekommen, um um Verzeihung zu bitten, — sagte die Schwiegermutter sofort und sah an ihrem Sohn vorbei direkt Olesja an.
Ihre Stimme klang nicht mehr metallisch, sondern gebrochen.
— Für so etwas entschuldigt man sich nicht, das verstehe ich sehr gut.
Darf ich hereinkommen?
Ilja wollte die Tür schließen, aber Olesja schob ihn sanft zur Seite.
In der engen Küche, unter dem Summen des alten Kühlschranks, saß Schanna Arkadjewna auf einem Hocker und umklammerte die ihr angebotene Tasse Tee.
— Ich habe diese Firma dreißig Jahre lang aufgebaut.
Von ganz unten, als ringsum nur Leute waren, die Dinge mit Gewalt entschieden, und nur Verwüstung herrschte, — begann sie leise.
— Ich habe mich daran gewöhnt, mir alles mit den Zähnen zu erkämpfen.
Waleri Ignatjewitsch ist ein kluger Mann, aber er kennt nicht alle Lieferketten für Baumaterialien.
Ohne meine Erfahrung wird alles in ein paar Monaten stillstehen.
Sie hob den Blick zu Olesja.
In ihren Augen lag keine Herablassung mehr.
Nur die Anerkennung fremder Stärke.
— Ich biete einen Deal an.
Du gehst morgen zu Waleri Ignatjewitsch und schlägst meine Kandidatur für den Posten einer gewöhnlichen Beraterin vor.
Ich werde euch helfen, saubere Arbeitsketten aufzubauen.
Ohne verzögerte Zahlungen.
Und im Gegenzug …
Sie verstummte und schluckte krampfhaft den Kloß in ihrem Hals hinunter.
— Und im Gegenzug will ich einfach nur manchmal die Möglichkeit haben, meinen Sohn zu sehen.
Und … wenn ihr es erlaubt, zu eurer Hochzeit zu kommen.
Ich bin sehr müde geworden, mit meiner eigenen Familie Krieg zu führen.
Olesja sah lange auf die durchnässte, müde Frau.
Dann setzte sie sich ihr gegenüber.
— Trinken Sie den Tee aus, Schanna Arkadjewna.
Morgen früh fahren wir ins Büro.
Seit jenem Abend ist ein Jahr vergangen.
Olesja hat den hohen Sessel in der Firma nie eingenommen — sie ging in eine Wohltätigkeitsstiftung, die sie gemeinsam mit Ilja zur Unterstützung junger Stadtplaner gegründet hatte.
Und sonntags kam Schanna Arkadjewna oft in ihr kleines Landhaus.
Sie brachte frisches Gebäck aus genau jener Bäckerei mit, setzte sich auf die Veranda und hörte, nachdem sie die Schuhe abgestreift hatte, lange zu, wie Ilja von neuen Parkprojekten erzählte.
Manchmal muss man sich einfach nur trauen, bis zum Äußersten zu gehen, um sein Leben am Ende für immer von fremden Intrigen zu reinigen.