Titelbild
Anna stand wie angewurzelt da. Ihr Herz raste, als wolle es ihr aus der Brust springen. Irgendwann war das Rauschen des Fernsehers nur noch Hintergrundrauschen, fern und bedeutungslos. Alles, was sie hörte, war ihr eigener Atem und Worte, die sie nicht mehr ängstigten – nur noch anekelten. „Nein“, sagte sie leise, aber deutlich. Marek erstarrte. „Was?“ „Nein“, wiederholte Anna und sah ihm direkt in die Augen. Und plötzlich spürte sie etwas Seltsames – Leichtigkeit. Als wäre ein altes Seil, das ihr jahrelang die Brust eingeschnürt hatte, gerissen. Er machte einen Schritt näher, aber sie wich nicht zurück. Noch ein Schritt – nur noch ein Meter trennte sie. „Bist du verrückt?“, fragte er heiser. „Vielleicht. Aber heute, zum ersten Mal, fühle ich keine Schuld.“ Anna sah ihn ruhig an. „Du kannst schreien, du kannst Sachen werfen – ich kaufe dieses Auto nicht. Und ich werde nicht länger in Angst leben.“ Er ballte die Fäuste und öffnete sie dann wieder, als hätte er sich verbrannt. Einige Sekunden lang herrschte dichte Stille. Schließlich ließ er sich schwer in seinen Sessel fallen, griff nach der Fernbedienung, schaltete laut einen Sender ein und knurrte: „Verrückte.“ Anna reagierte nicht. Sie ging ins Schlafzimmer, schloss die Tür und schloss zum ersten Mal seit Jahren ab.
Sie hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Sie hörte Marek in der Wohnung auf und ab gehen, etwas umstoßen, jemanden rufen, leise sprechen. Am Morgen war es still. Die Morgendämmerung war rosa im Fenster, und die Stadt erwachte zu einem neuen Tag. Anna packte leise ihre Tasche – Reisepass, Dokumente, ein paar Kleidungsstücke. In der Küche stand eine Tasse mit dem Rest Tee, und am Kühlschrank hing ein Magnet aus Prag, wo sie einst glücklich gewesen waren. Sie fuhr mit dem Finger über die Inschrift: „Liebe ist ein Zuhause, zu dem man zurückkehren möchte.“ „Nicht dieses“, flüsterte sie. Vorsichtig trat sie hinaus, als fürchtete sie, alte Ängste wiederzuerwecken. Die Straße war frisch. Der Oktober roch nach nassem Laub und Freiheit. Die Stadt erwachte – Busse, Menschen mit Kaffee, die kühle Sonne über den Dächern. Anna hielt ein Taxi an und sagte nur: „Zum Bahnhof.“ Während das Auto durch die Straßen fuhr, hallte ihre eigene Stimme in ihrem Kopf wider – ruhig, entschlossen. *Ich habe keine Angst mehr.* Drei Stunden später hielt sie das Ticket in den Händen. Nieselregen klopfte gegen die Bahnhofsfenster. Sie sah die Menschen an: einige fuhren ab, andere warteten – sie sah Bewegung in jedem Gesicht. Leben. Das Telefon kribbelte – zwanzig verpasste Anrufe. Marek, ihre Schwiegermutter, Freunde.