Zum ersten Mal fühlte sich etwas vertraut an.
„Wie heißt deine Mutter?“
Ethan entfaltete langsam den Zettel im Umschlag.
Seine Hände zitterten.
Dann las er den Namen laut vor.
„Meine Mutter heißt Anna.“
Alles änderte sich. In dem Moment, als Richard den Namen hörte, erstarrte er. Das Glas in seiner Hand glitt ihm aus den Fingern und zersprang auf dem Marmorboden. Der ganze Ballsaal verstummte. Richards Augen weiteten sich ungläubig. „Anna?“, flüsterte er. „Du hast Anna gesagt?“ Tränen traten ihm sofort in die Augen. Jahrzehntelang hatte er diesen Namen im Herzen getragen. Den Namen seiner verlorenen Tochter. Der Tochter, nach der er zwanzig Jahre lang gesucht hatte. Richard eilte so schnell zu Ethan, dass die Gäste nach Luft schnappten. Er packte den Jungen an den Schultern und sah ihm ins Gesicht. Plötzlich sah er es. Annas Augen. Annas Lächeln. Annas Ausdruck. Es war, als blickte er in die Vergangenheit. „Wo ist sie?“ „Wo ist meine Tochter?“, fragte Richard verzweifelt. Ethan senkte den Kopf. Seine Stimme versagte. „Meine Mutter ist letzte Woche gestorben.“ Die Worte trafen Richard wie ein Blitz. Der mächtige Vorsitzende taumelte zurück. Sein Gesicht wurde kreidebleich. Tränen rannen ihm über die Wangen. Der reichste Mann im Raum wirkte völlig am Boden zerstört. Jahrelang hatte er den Streit bereut, der Anna fortgetrieben hatte. Als Anna jung war, hatte sie sich in einen armen Lehrer verliebt. Richard weigerte sich, dies zu akzeptieren. Geblendet von Stolz und Statusdenken, verlangte er von Anna, sich zwischen ihrer Familie und dem Mann, den sie liebte, zu entscheiden. Anna wählte die Liebe und verließ ihr Zuhause. Keiner von beiden kam je wieder in seine Nähe. Jahre wurden zu Jahrzehnten. Richard suchte unzählige Städte nach ihr ab, doch sie war spurlos verschwunden. Nun hatte er sie endlich gefunden … nur um festzustellen, dass es zu spät war. Ethan reichte ihm einen Brief. Richard öffnete ihn mit zitternden Händen. Die Handschrift war unverkennbar. Er war von Anna. „Papa, falls du das liest, dann hat Ethan dich gefunden. Bitte gib dir nicht länger die Schuld. Das Leben ist zu kurz für Reue. Ich habe dir schon vor Jahren vergeben. Ethan ist ein guter Junge. Er verdient die Familie, die wir nie hatten. Bitte liebe ihn so, wie du mich einst geliebt hast.“ Als Richard zu Ende gelesen hatte, waren die Seiten mit Tränen benetzt. Stille herrschte im Ballsaal. Viele Gäste weinten. Selbst der Geschäftsmann, der Ethan verspottet hatte, schämte sich. Langsam kniete Richard vor dem Jungen nieder. Einer der reichsten Männer Amerikas kniete vor einem Jungen in zerrissener Kleidung. Dann schloss er Ethan in seine Arme.