TEIL 1
Der Hochzeitssaal in San Ángel duftete nach Gardenien, Weißwein und teuren Versprechen.
Mariana Torres betrachtete sich im Spiegel, noch immer in ihrem Kleid, und versuchte, sich selbst davon zu überzeugen, dass das Leben ihr endlich eine zweite Chance gegeben hatte.
Sie war 34 Jahre alt, hatte eine fünfjährige Tochter und eine unsichtbare Narbe, seit Rodrigo, ihr erster Ehemann, bei einem Autounfall auf der Autobahn nach Querétaro ums Leben gekommen war.
Zu ihren Füßen spielte Camilla mit dem Rand ihres Schleiers.
Sie trug ein weißes Kleid, Lackschuhe und eine schief sitzende Krone.
„Mama, darf ich Iván heute Papa nennen?“
Mariana beugte sich langsam hinunter, um ihr Kleid nicht zu zerknittern.
Sie rückte die Krone zurecht und sprach leise.
„Nein, mein Schatz. Mein Vater war einfach Rodrigo. Iván heißt Iván.“
Camilla rümpfte die Nase.
„Aber in der Schule heißt es immer, dass man mit der Hochzeit einen neuen Vater bekommt.“
„Im Film vielleicht. Nicht hier. Niemand kann deinen Vater ersetzen.“
Das Mädchen nickte, als verstünde sie mehr, als sie sollte.
In diesem Moment trat Iván ein, ohne sie zu berühren.
Er trug einen grauen Anzug, teures Parfüm und dieses zurückhaltende Lächeln, das Marianas ganze Familie davon überzeugt hatte, dass er „ein guter Mann“ war.
„Du solltest mich nicht vor der Zeremonie sehen“, sagte Mariana und tat genervt.
„Ich konnte es nicht aushalten, Liebling.“
Iván küsste ihre Stirn.
Dann sah er Camila an.
„Und mein Lieblingsflorist?“
„Fem, Ivan“, erwiderte das Mädchen kurz angebunden.
Er lachte gezwungen auf.
In der Hand trug er eine braune Lederaktentasche. Als er merkte, dass Mariana sie gesehen hatte, drückte er sie an sich.
„Was ist da drin?“
„Nichts, nur Unterlagen vom Veranstaltungsort.“ Du weißt schon, Zahlungen, Abonnements, so was.
Bevor Mariana weitere Fragen stellen konnte, erschien Pedro, ihr älterer Bruder.
Er kam herein, mit der Selbstsicherheit eines Mannes, dem der Laden gehörte.
„Bereit, kleine Schwester? Heute hörst du auf, der Vergangenheit nachzutrauern.“
Mariana lächelte, obwohl die Worte sie verletzten.
Pedro war seit Rodrigos Tod ihre Stütze gewesen. Er hatte sie vor acht Monaten bei einem Familientreffen in Coyoacán Iván vorgestellt.
Er hatte darauf bestanden, dass Mariana es verdiente, „wieder ins Leben zurückzukehren“.
Er war überzeugt, dass Rodrigo nicht einmal seine Schuhsohle sehen wollte.
Und Mariana glaubte ihm.
Die Zeremonie war perfekt.
Zweihundert Gäste erhoben sich, als sie an Pedros Arm zum Altar schritt. Iván weinte am Altar. Camila streute weiße Blütenblätter mit einer Ernsthaftigkeit, die alle zum Lachen brachte.
Mariana glaubte, sich verwandelt zu haben.
Während des Empfangs spielte Musik, Gläser klangen, und die Tanten bemerkten, wie schick Iván aussah.
Pedro und Iván stießen am Kuchen an, zu vertraut, zu überschwänglich.
Mariana sah sie tuscheln, dachte aber, sie seien nervös.
Bis Camila neben ihnen auftauchte.
Sie war blass.
Ihr fehlte ein Schuh.
Mit ihren kleinen Händen zog sie ihr neues Kleid hervor.
„Mama.“
Mariana beugte sich vor.
„Was ist los, mein Schatz?“
Camila blickte zum Innenhof des Saals.
Dann flüsterte sie:
„Ich habe Iván und Onkel Pedro bei etwas Unanständigem beobachtet.“
Marianas Lächeln erstarrte.
„Was für eine Schandtat?“
Camila klammerte sich an den Stoff ihres Kleides.
„Sie sagten, sobald du unterschrieben hast, ist das Geld weg. Das Geld meines Vaters Rodrigo. Sie sagten, du wärst allein, deshalb sei es so einfach gewesen.“
Mariana spürte, wie der Dielenboden unter ihren Absätzen nachgab.
Dort drüben im Zimmer stand Pedros Tasse auf dem Tisch.
Iván drehte sich um.
Und als beide sie ansahen, begriff Mariana etwas Schreckliches: Sie wussten, dass Camila geredet hatte.