TEIL 2
Mariana schrie auf.
Sie weinte nicht.
Sie rannte nicht zu ihnen, wie man es erwartet hätte.
Sie drückte Camila nur fest an ihr Kleid und küsste ihre Stirn, genau dort, wo der kleine Blumenkranz abfiel.
„Du hast das Richtige getan, meine Liebe. Ganz richtig.“
Camila blickte auf, ihre Augen voller Angst.
„Wirst du mich ausschimpfen?“
„Niemals.“
Mariana gab Lupita, dem Kindermädchen, das sich seit Camilas Geburt um sie gekümmert hatte, ein Zeichen.
Sie lächelte sie an, als wäre nichts geschehen, obwohl sie innerlich fühlte, als würde ihr das Herz herausgerissen.
„Bring sie bitte zum Kuchen. Erdbeerkuchen. Und lass sie nicht los.“
Lupita verstand den Blick.
Sie nahm Camilas Hand und führte sie zum Desserttisch.
Mariana stand einige Sekunden allein da und atmete langsam.
Die Mariachi-Band begann „Si nos dejan“ zu spielen, als ob die ganze Welt sie verspottete.
Iván trat als Erster vor.
Er trug zwei Gläser Champagner und sein gewohntes, perfektes Lächeln.
„Schatz, du warst wie vom Erdboden verschluckt. Alle fragen nach der Braut.“
Pedro folgte ihm, gab sich gelassen, doch seine Kiefermuskeln waren angespannt.
„Alles in Ordnung, Schwester?“
Mariana erwiderte ihren Blick.
„Ich brauchte nur etwas frische Luft.“
Iván nahm ihre Hand.
Die Berührung, die ihr zuvor zärtlich erschienen war, ekelte sie nun an.
„Nach dem Toast unterschreiben wir die Unterlagen zur Änderung des Familienstands, okay? Dann brauchst du dir keine Sorgen mehr um Anwälte oder Buchhalter zu machen. Pedro und ich haben schon alles geprüft.“
Da war sie.
Die Falle, verpackt in freundlichem Ton.
Mariana erinnerte sich an die Ledermappe.
Sie erinnerte sich an die Male, als Pedro darauf bestanden hatte, Camilas Treuhandkonto sei „zu streng kontrolliert“ und sie brauche „mehr Flexibilität“.
Sie erinnerte sich, dass Rodrigo vor seinem Tod ein geschütztes Konto für seine Tochter eingerichtet hatte.
Zwei Wohnungen in Del Valle.
Eine Lebensversicherung.
Anlagen für ihr Studium.
Alles war gesperrt, bis Camila 18 wurde, bis auf eine Klausel: Sollte Mariana wieder heiraten, konnte ihr Mann zusammen mit einem direkten Verwandten von Mariana als Mitverwalter unterschreiben.
Rodrigo hatte das getan, weil er glaubte, seine Tochter zu schützen.
Er hätte nie gedacht, dass der direkte Verwandte ein Wolf im Schafspelz sein würde.
„Natürlich“, sagte Mariana. „Nach dem Toast.“
Iván lächelte.
Pedro ebenfalls.
Aber Mariana war nicht mehr bei ihnen.
Unter einem Vorwand ging sie in den Flur, der zu den Toiletten führte.
Mit zitternden Händen zog sie ihr Handy hervor und schrieb Mónica Saldaña, der Anwältin, die Rodrigos Treuhandvermögen seit drei Jahren verwaltete.
„Hat in letzter Zeit jemand nach Camilas Treuhandvermögen gefragt?“
Die Antwort kam in weniger als zwei Minuten.
„Ja. Dein Bruder Pedro. Vor drei Wochen. Er sagte, du hättest es genehmigt. Ich habe dich um eine direkte Bestätigung gebeten, aber er hat nicht geantwortet. Ich habe die E-Mail. Ist alles in Ordnung?“
Mariana las die Nachricht viermal.
Der Lärm im Wohnzimmer schien aus einem tiefen Brunnen zu kommen.
Dann tippte sie:
„Du musst alles sichern. Und einen Familienanwalt anrufen. Ich glaube, sie versuchen, meiner Tochter ihr Erbe wegzunehmen.“
Mónica antwortete:
„Unterschreib nichts. Gar nichts. Ich bin unterwegs.“
Mariana schloss die Augen.
Ihr Hals brannte.
Pedro.
Ihr Bruder.
Der Mann, der sie bei Rodrigos Beerdigung umarmt hatte.
Der, der in ihrer Küche saß und ihr sagte: „Du bist nicht allein.“
Der, der Camila Spielzeug brachte und ihr sagte: „Dein Onkel wird immer für dich sorgen.“
Derselbe, der sie jetzt ausrauben wollte.
Dann erinnerte sie sich an etwas.
Vor acht Monaten, in der Nacht, als Pedro sie Iván vorstellte, hatte Mariana versehentlich eine Sprachnachricht aufgenommen.
Sie waren auf einer Dinnerparty in Roma Norte gewesen. Sie wollte das Rezept für eine Salsa speichern, die eine Freundin gemacht hatte.
Sie hatte den Diktiergerät ihres Handys eingeschaltet, das Handy auf einem Tisch im Flur liegen gelassen und vergessen, es auszuschalten.
Sie hatte sich die Aufnahme nie ganz angehört.
Sie suchte in ihren Dateien danach.
Ihre Finger flogen über den Bildschirm, als hinge ihr Leben davon ab.
Endlich hatte sie sie gefunden.
Datum: Vor 8 Monaten.
Dauer: 47 Minuten.
Sie drückte auf Play.
Zuerst hörte sie Lachen, das Klappern von Tellern und Hintergrundmusik.
Dann fragte seine eigene Stimme nach dem Rezept.
Dann die einzelnen Schritte.
Und dann war Pedros Stimme deutlich zu hören.
„Ganz ehrlich, Iván, sie ist bereit. Sie ist seit drei Jahren allein. Red einfach nett mit ihr, dann wird sie darauf reinfallen.“