Lily hatte ihren Saft ausgetrunken, drei ziemlich abstrakte Zeichnungen eines „Hundes“ ausgemalt … und dann kam der schlimmste Albtraum für jedes fünfjährige Kind: Der Akku des iPads war leer.
Der Bildschirm wurde schwarz, und die Bettdecke blieb still und gelangweilt.
Lily wartete gefühlt eine Ewigkeit. Sie lugte hinter der Decke hervor. Das Zimmer war still und etwas düster. Sie musste aufs Klo und wollte ihrer Mutter die Zeichnung von Barnaby zeigen.
Lily erinnerte sich an ihr Versprechen, leise zu sein, und verließ ihre Höhle. Sie streckte sich, griff nach dem kalten Türknauf und drehte ihn.
Klick.
Die Tür öffnete sich.
Serena hatte sie in ihrer Eile von außen abgeschlossen, aber das hielt sie nicht davon ab, sie von innen zu öffnen.
Lily trat hinaus in den geschäftigen Flur. Riesige Wäschewagen sausten an ihr vorbei, geschoben von Leuten, die so schnell unterwegs waren, dass sie ein kleines Mädchen mit einem Zettel in der Hand nicht umfahren konnten.
Lily ging auf die glänzenden silbernen Türen am Ende des Flurs zu: die Aufzüge.
Sie hatte gesehen, wie ihre Mutter den Knopf mit dem Pfeil nach oben gedrückt hatte, also drückte Lily ihn auch. Als sich die Türen öffneten, trat sie ein.
Die Knöpfe auf dem Papier waren sehr weit oben, aber ganz oben gab es einen besonderen, der golden leuchtete: PH. Sie konnte ihn kaum erreichen, wenn sie sprang. Lily sprang und drückte ihren kleinen Kopf gegen den Knopf.
Der Aufzug fuhr sanft und lautlos nach oben.
Oben, im Tierhaus, betrat Gabrielle Roma den privaten Eingang zum Hubschrauberlandeplatz.
Er war ein Mann wie aus kaltem Stein gemeißelt: groß, tadellos gekleidet in einem maßgeschneiderten anthrazitgrauen Anzug, mit dunklen Augen und Taschenrechnern, die mehr Gewalt gesehen hatten als die meisten Menschen in ihren Albträumen.
Der Tag war eine Katastrophe gewesen. Er hatte 48 Stunden damit verbracht, einen Verrat in den eigenen Reihen aufzuklären, der mit Blutvergießen an den Docks des Hafens geendet hatte. Er war erschöpft, ungeduldig und wünschte sich nichts sehnlicher als einen Whisky und Ruhe.
Neben ihm ging sein Vollstrecker, ein riesiger Mann namens Leo, dessen bloße Anwesenheit oft Räume leer werden ließ.
„Überprüfe den Bereich und warte dann unten auf mich“, befahl Gabrielle mit seiner tiefen, rauen Stimme, die vom Marmor widerhallte.
„Jawohl, Boss“, stimmte Leo zu und verschwand im Ostflügel.
Gabrielle lockerte seine Seidenkrawatte und ging in die private Lounge, direkt zur Bar und der Kristallkaraffe. Während er die bernsteinfarbene Flüssigkeit einschenkte, erregte ein seltsames Geräusch seine Aufmerksamkeit. Es war nicht das Geräusch eines Mörders. Es war nicht das Geräusch eines Dienstmädchens.
Es war ein leises, rhythmisches Geräusch … von knisterndem Papier.
Langsam drehte er sich um, seine Hand griff instinktiv nach der Waffe, die er unter seiner Jacke verbarg.
Mitten auf seinem makellosen weißen Ledersofa – einem Sofa, das zehntausend Dollar gekostet hatte – saß eine zerzauste blonde Ananas in einem leicht verwaschenen rosa Pullover.
Er öffnete vergnügt die kostenlosen handgefertigten Pralinen aus einer Glasschale auf dem Tisch.
Gabrielle erstarrte.
Für einen Mann, der jede Bedrohung vorhergesehen hatte, war eine fünfjährige Ananas in seinem privaten Refugium eine Anomalie, die sein Gehirn für einen Moment ausschalten ließ.
Lily blickte auf, ein Schokoladenfleck auf ihrer Wange. Sie schrie nicht. Sie hatte keine Angst. Sie beobachtete ihn nur neugierig mit ihren riesigen blauen Augen.
„Bist du der König dieses Schlosses?“, fragte Lily mit einer kleinen, glockenhellen Stimme in der Weite des Raumes.
Gabrielle senkte die Hand von der Pistole. Sie betrachtete sie verwirrt.