Die Dunkelheit in den Picos de Europa ist anders als die Dunkelheit in der Stadt. Es ist eine dichte, drückende Schwärze, die einem in die Lungen kriecht und die Seele durchdringt. In jener Nacht zerriss das Dröhnen des Motors meiner alten Montesa Enduro die Stille der Berge wie der Schrei eines verwundeten Tieres. Ich, Javier, dreißig Jahre alt, das Gesicht von der Sonne der Bauarbeit gezeichnet, biss die Zähne zusammen, als Wind und Regen erbarmungslos auf mich einprasselten.
Meine schwieligen, festen Hände umklammerten den Lenker. Die Kälte kümmerte mich nicht, ebenso wenig wie die Gefahr, auf den verfluchten Kurven der Landstraße zwischen Asturien und León ins Schleudern zu geraten. Ich hatte nur ein Bild im Kopf: meinen Vater. Der alte Antonio lag im Krankenhaus in Oviedo im Sterben, und ich musste dort sein, bevor der Priester ihm die Sterbesakramente spendete. Schuldgefühle nagten mehr an mir als die Kälte. Ich war schon viel zu lange in Madrid, um zu arbeiten, immer auf der Jagd nach Euros, die kaum flossen, und nun fürchtete ich, es nicht mehr rechtzeitig zu schaffen, um mich zu verabschieden.
Der schwache gelbe Scheinwerfer meines Motorrads erhellte nur wenige Meter vor mir und tanzte im Rhythmus der wassergefüllten Schlaglöcher. Auf der einen Seite eine senkrechte Felswand, auf der anderen ein bodenloser Abgrund, in dem ein einziger Fehler den Tod bedeutete.
Plötzlich erhellte ein Blitz den Himmel wie ein riesiger Kamerablitz und enthüllte den Wald in gespenstischem Schwarz-Weiß. Und in diesem Augenblick, in diesem präzisen Moment göttlichen oder verfluchten Lichts, sahen meine Augen, die sonst nach Bergpfaden suchten, etwas, das nicht passte.
Es war kein Müllsack, kein überfahrenes Tier. Es war ein Mensch. Ein Körper lag am Straßenrand, direkt in einer tückischen Haarnadelkurve.
Ich bremste scharf. Das Hinterrad rutschte auf dem nassen Schotter, und mein Motorrad kam nur wenige Zentimeter von diesem Körper entfernt zum Stehen. Mein Herz raste. Mein Instinkt schrie mich an, weiterzulaufen, dass mein Vater auf mich wartete, dass ich keine Zeit hatte. Aber mein Gewissen, dieses verdammte Gewissen, das meine Mutter mir mit Rosenkränzen und Prügeln eingepflanzt hatte, ließ mich nicht schneller laufen.
Ich klappte den Ständer meines Handys aus und rannte mit der Taschenlampe darauf zu. Was ich sah, ließ mich mehr erschaudern als der Regen.
Es war ein junges Mädchen, nicht älter als fünfundzwanzig. Sie trug teure Wanderkleidung, war aber nun mit Schlamm bedeckt. Ihr Gesicht, bleich wie Wachs, hatte violette Lippen. Sie zitterte heftig und wand sich auf dem durchnässten Boden.
„Hey! Kannst du mich hören?“, rief ich und rüttelte sie sanft.
Sie stieß ein gutturales, unverständliches Stöhnen aus. Dann sah ich ihn. An ihrer rechten Wade, weiß und zart, prangte eine schreckliche Wunde: zwei tiefe Einstiche, umgeben von einer schwarz-violetten Schwellung, die sich rasch ausbreitete. Dunkles Blut sickerte aus den Löchern.
Und keine zwei Meter entfernt, unter einem Busch, sah ich die Ursache. Es war keine gewöhnliche Schlange. Es war eine Aspisviper, riesig für ihre Art, zusammengerollt und zischend, bereit zum nächsten Biss.
Ich zögerte keine Sekunde. Ich griff nach einem Stein vom Boden und schlug kräftig darauf, während ich schrie, um sie zu verscheuchen. Erschrocken von dem Lärm und dem Licht, glitt die Viper schnell ins Unterholz. Doch der Schaden war bereits angerichtet.
Ich kniete neben dem Mädchen nieder. Ich wusste, was das bedeutete. Ein Aspisbiss in dieser Gegend, und mit dieser schnellen Schwellung, konnte tödlich sein, wenn er nicht sofort behandelt wurde. Das Gift war bereits auf dem Weg zu ihrem Herzen. Wenn ich wartete, bis ich sie ins nächste Krankenhaus brachte, eine Stunde entfernt in diesem Sturm, würde ich mit einer Leiche ankommen.
Ich hatte keine Infusionslösung, keine medizinische Ausrüstung. Ich hatte nur meinen Gürtel und meinen Mund.
Ich nahm meinen Ledergürtel ab und legte oberhalb der Wunde einen Druckverband an, um die Blutung zu stillen. Ich zerriss mein Hemd, um das schmutzige Blut abzuwaschen. Ich sah ihr ins Gesicht, eine aristokratische Schönheit, nun vom Schmerz entstellt.
„Halt durch, Mädchen, halt durch“, flüsterte ich.
Ich hockte mich hin und presste meinen Mund an ihr Bein. Der metallische, bittere Geschmack füllte sofort meinen Mund und ließ mich würgen. Ich spuckte das giftige Blut auf den Boden. Einmal, zweimal, dreimal. Ich saugte kräftig, spuckte und begann von Neuem, in einem makabren Tanz im Regen, in dem Versuch, ihr den Tod aus den Adern zu reißen.
Ich spürte, wie meine Zunge und meine Lippen taub wurden. Ich wusste, es war gefährlich, dass ich zusammenbrechen würde, wenn sie Wunden im Mund hätte, aber ich hörte nicht auf, bis ihre Atmung etwas weniger qualvoll wurde. Mitten in ihrem Delirium öffnete sie die Augen. Sie waren tiefbraun, voller Angst. Sie sah mich an, und in ihrer Verwirrung griff ihre Hand nach meiner. Sie drückte mit überraschender Kraft zu. Ihre Nägel gruben sich in meine Haut. Und in diesem Moment, unter einem weiteren Blitz, heftete sich ihr Blick auf meine linke Hand.
Meine linke Hand hat ihre eigene Geschichte. Mir fehlt das obere Fingerglied meines kleinen Fingers, ein Unfall mit einer Kreissäge, als ich noch Schreinerlehrling war. Es ist eine unverkennbare, hässliche Narbe. Ich sah, wie sie auf diesen gebrochenen Finger starrte und ihn sich einprägte, bevor sich ihre Augen verdrehten und sie ohnmächtig wurde.
Ich sank erschöpft zurück.