„Fass diese Kisten nicht an. Das sind meine Sachen“, sagte Olga von der Tür aus und sah ihre Schwiegermutter direkt an.
Larisa Viktorovna drehte sich nicht einmal sofort um. Sie stand mitten im Wohnzimmer, in einem leichten Sommerkostüm, die Haare ordentlich frisiert, und durchstöberte die Ordner auf dem Couchtisch so selbstsicher, als wäre sie in ihrem eigenen Büro und nicht in einem fremden Haus. In der Nähe packte ihre Tochter Inga Bücher vom untersten Regal des Kleiderschranks in einen Karton. Sieben mit Filzstift beschriftete Kartons standen bereits auf dem Boden: „Kleidung“, „Küche“, „Bücher“, „Persönliches“, „Wegwerfen“, „Scheck“ und „Saschas“.
Olgas Blick wanderte zur letzten Inschrift. Der Name ihres Mannes ließ ihre Finger den Riemen ihrer Tasche fester umklammern. Nicht aus Schwäche, sondern aus Wut, die sie diesen Leuten nicht zeigen wollte.
Die Haustür schloss sich hinter ihr. Für ein paar Sekunden herrschte absolute Stille im Haus. Draußen war nur das leise Summen eines Sommerabends zu hören: irgendwo ein Motorrad, das dröhnte, lachende Teenager, ein Hund, der im Garten bellte.
Larisa Viktorovna drehte sich schließlich um.
„Du bist zu früh“, sagte sie, als hätte Olga die Putzarbeiten unterbrochen.
— Ich wohne hier. Ich muss meine Rückkehr nicht koordinieren.
Inga stellte das Buch zurück ins Regal, nahm aber die Hand nicht weg. Ihr Gesicht war angespannt, doch sie bemühte sich, neben ihrer Mutter Selbstsicherheit zu bewahren. Zwei weitere Personen saßen am Esstisch: Pavel, der Bruder ihres verstorbenen Mannes, und seine Frau Dina. Vor ihnen lag ein Notizbuch mit einem handgezeichneten Grundriss des Hauses. Die Zimmer waren mit den Namen anderer Personen beschriftet.
Olga ging langsam voran, ihre Schuhe noch an. Der Friedhof hatte getrockneten Staub an ihren schwarzen Schuhen hinterlassen, aber das war ihr jetzt egal. Sie hatte ihren Mann am Morgen beerdigt. Und schon am Abend teilten seine Verwandten ihr Haus unter sich auf.
„Na gut“, sagte Larisa Viktorovna und faltete die Hände vor sich. „Machen wir keine Szene. Es war ein schwerer Tag für alle. Sascha war mein Sohn, und ich habe das Recht, mich um das zu kümmern, was er hinterlassen hat.“
„Er hat eine Uhr, Werkzeug in der Werkstatt, ein Auto und seine persönlichen Gegenstände zurückgelassen“, antwortete Olga ruhig. „Nicht meine Bücher, nicht meinen Kleiderschrank und nicht mein Haus.“
Pavel kicherte.
„Olga, was fängst du da an? Wir werfen dich doch jetzt nicht auf die Straße.“
Olga drehte den Kopf zu ihm um.
— Wann hast du das geplant?
Dina blickte auf ihr Notizbuch. Pavel rückte seinen Hemdkragen zurecht und schaute zum offenen Fenster. Larisa Viktorovna trat einen Schritt vor.
– Sascha war der Herr dieses Hauses.
„Sasha war mein Ehemann. Er war hier nicht der Chef.“
„Er hat renoviert!“, fuhr Inga ihn an. „Er hat einen Pavillon im Garten gebaut, den Schuppen repariert und die Fliesen an der Veranda erneuert. Willst du jetzt etwa sagen, dass er hier niemand mehr ist?“
Olga sah ihre Schwägerin an. Inga sprach immer scharf, dachte aber langsam. Das fiel jetzt besonders auf: Sie rang nach Worten, weil sie keine Dokumente hatte.
— Ich möchte sagen, dass eine Renovierung einen Menschen nicht zum Eigentümer macht.
Larisa Viktorovna nahm abrupt die Mappe vom Tisch.
„Erzählen Sie uns keine Märchen. Hier sind die Dokumente. Ich habe sie selbst gefunden.“
Olga sah den vertrauten blauen Ordner und stockte einen Moment lang der Atem. Nicht aus Angst. Sondern weil ihr klar wurde: Ihre Schwiegermutter hatte nicht nur in den Schränken gewühlt. Sie hatte die Schubladen im Büro geöffnet, in denen die Unterlagen ihres Vaters aufbewahrt wurden.
„Leg den Ordner auf den Tisch“, sagte Olga.
— Lass uns das zuerst klären.
— Wir sind bereits dabei, das zu klären.
Olgas Stimme wurde leiser. Inga nahm endlich die Hand vom Bücherregal. Pavel erhob sich halb von seinem Stuhl, doch Dina berührte schnell seinen Ellbogen, als wollte sie ihn bitten, zurückzubleiben.
Larisa Viktorovna öffnete den Ordner und nahm mehrere Blätter Papier heraus.
„Hier gibt es ein Testament. Ich habe gehört, dass Ihr Vater es verfasst hat. Es ist also Familienbesitz. Mal sehen, wer was bekommt.“
Olga kam näher. Ihr schwarzes Kleid klebte nach einem langen Tag in der Hitze unangenehm an ihrem Rücken, eine Haarsträhne war ihr in die Schläfe gefallen, und ihre Augen brannten vor Müdigkeit, doch ihr Gesichtsausdruck blieb ruhig. Sie streckte ihr die Hand entgegen.
Gib es zurück.
– Keine Befehle erteilen.
„Geben Sie es freiwillig her. Oder ich rufe jetzt sofort die Polizei und sage ihnen, dass Fremde in meine Schränke eingebrochen sind, meine persönlichen Gegenstände durchwühlen und meine Dokumente einbehalten.“
Larisa Viktorovna kniff die Augen zusammen.
— Fremde? Ich bin die Mutter Ihres Mannes.
„Mein Mann ist heute Morgen gestorben. Das macht Sie aber nicht zum Eigentümer meines Grundstücks.“
Die Worte klangen hart, aber Olga nahm kein Blatt vor den Mund. Sie hatte nicht die Kraft, Leute zu schonen, die nicht gekommen waren, um sie zu unterstützen, sondern um ihre Zimmer zu bewohnen.
Pavel räusperte sich.
— Machen wir es uns einfach. Vielleicht sollten wir uns die Dokumente tatsächlich gemeinsam ansehen?
„Nein“, sagte Olga. „Ich sehe mir meine Unterlagen an. Sie sehen sich Ihre an.“
Sie nahm den Hörer ab, entsperrte den Bildschirm und drückte auf Anrufen. Larisa Viktorovnas Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig.
— Wen rekrutieren Sie?
— Der örtliche Polizist. Er war heute Morgen bei den Nachbarn, als Sie Ihr Auto direkt vor dem Tor geparkt und die Einfahrt blockiert haben. Ich habe seine Nummer.
Inga zuckte zusammen.
– Mama, gib es ihr endlich.
Larisa Viktorovna hielt die Mappe noch einen Moment fest, dann warf sie sie auf den Tisch. Sie stellte sie nicht vorsichtig ab – sie warf sie einfach hin, um zu zeigen, dass sie die Entscheidung selbst getroffen hatte. Olga sah nicht weg. Sie hob die Mappe auf und überflog die Seiten. Das Testament ihres Vaters war noch da. Die Schenkungsurkunde auch. Der Auszug aus dem Einheitlichen Staatlichen Grundbuch, eine Kopie der Sterbeurkunde ihrer Mutter, alte Grundbuchauszüge, der Katasterplan – alles war drin, aber durcheinander.
Olga schloss den Ordner und drückte ihn fest an sich.
„Hören Sie gut zu. Haus und Grundstück gehören mir. Meine Eltern haben dieses Anwesen vor meiner Heirat mit Alexander erworben und es mir dann überschrieben. Die Urkunde ist eingetragen. Dies ist mein persönliches Eigentum. Alexander war nie Eigentümer. Er hatte keinen Anteil. Er wurde hier nicht eingetragen, weil er seine Wohnung nicht verlassen wollte. Dieses Haus gehört nicht zum Nachlass.“
Larisa Viktorovna runzelte die Stirn.
« Sie haben das absichtlich so gemacht, nicht wahr? Damit mein Sohn keinerlei Rechte hat? »
„Meine Eltern haben ihr Eigentum auf den Namen ihrer Tochter eintragen lassen. Ihr Sohn hat eine Frau geheiratet, die ein Haus besitzt. Das sind zwei verschiedene Dinge.“
Er hat investiert!
— In was genau?
— Auf das Leben! Auf den Bauernhof! Auf dieses Haus!
„Haben Sie Quittungen, Verträge, Rechnungen oder Banküberweisungen für größere Umbaumaßnahmen?“, fragte Olga.
Pavel senkte den Blick. Inga öffnete den Mund und schloss ihn sofort wieder. Larisa Viktorovna rieb sich mit den Fingern den Nasenrücken.
— Nicht alles lässt sich in Papierstücken messen.
– Wenn Sie meine Sachen in Kisten packen, wird das abgemessen.
Olga drehte sich zum Tisch um und nahm ein Notizbuch mit einem Hausplan. Darin stand: „Larisa Viktorovna – Schlafzimmer im ersten Stock“, „Pavel und Dina – Zimmer am Garten“, „Inga – Arbeitszimmer“, „Olga vorübergehend – kleines Zimmer, wird später festgelegt.“ Olga las alles schweigend. Dann riss sie die Seite aus dem Notizbuch, faltete sie zusammen und steckte sie in ihre Tasche.
Dies wird der Beweis dafür sein, dass du nicht zum Trauern gekommen bist.
Pavel stand auf.
– Was machst du da? Das ist doch nur ein Entwurf.
— Ausgezeichnet. Ein Entwurf für einen Versuch der Selbstbesiedlung.
– Bist du völlig…
„Pavel“, unterbrach Olga ihn, ohne die Stimme zu erheben. „Setz dich hin. Du bist gerade ohne meine Erlaubnis in meinem Haus und hilfst mir beim Packen. Mach es nicht noch schlimmer.“
Er sah seine Mutter an und wartete auf den Befehl. Larisa Viktorovna stand da, ihr Gesicht ausdruckslos, doch Olga bemerkte, wie ihr Kinn zuckte. Nicht aus Trauer. Sondern aus Wut darüber, dass der Plan schiefgegangen war.
An jenem Morgen hatte seine Schwiegermutter am Sarg gesessen und geweint, sich an Pavel gelehnt, die kalte Stirn ihres Sohnes geküsst und geflüstert, dass sie nicht mehr leben könne. Olga hatte sie sogar umarmt. Nicht herzlich, nicht lange, aber sie hatte sie umarmt – weil der Schmerz ihrer Mutter so echt schien. Und nun stand dieselbe Frau in ihrem Wohnzimmer und überlegte, was sie mit den persönlichen Gegenständen ihrer Schwiegertochter tun sollte.
Alexander starb plötzlich. Herzversagen. Der Krankenwagen war schnell da, aber er konnte nicht mehr eintreffen. Er war 42 Jahre alt. Am Sonntag hatte er noch lachend im Garten gespielt, den Rasen bewässert und mit Olga über eine Wolga-Tour im August gestritten. Am Montagmorgen lag er mit schmerzverzerrtem Gesicht neben der Badewanne, und zwanzig Minuten später veränderte sich Olgas Welt.
Drei Tage vergingen wie im Dunkeln durch einen Spiegel: Leichenhalle, Dokumente, Telefonate, Beerdigungen, Totenwachen, Menschen, Worte, immergleiche Gesichter. Olga hielt durch, weil sie wusste, wie man durchhält. Sie arbeitete als Sicherheitsingenieurin in einem Produktionsbetrieb und war es gewohnt, Gefühle nicht mit Handlungen zu verwechseln. Sicherheit ging vor. Dann Dokumente. Dann Schlussfolgerungen. Diese Regel rettete sie jetzt besser als jeder Trost.
Auch Larisa Viktorovna hielt durch. Aber auf ihre Weise. Schon am zweiten Tag nach dem Tod ihres Sohnes fragte sie:
„Wo sind Ihre Hausunterlagen? Wir müssen wissen, wie es weitergeht.“
Olga führte die Frage auf ein Missverständnis zurück und antwortete kurz:
— Alles ist formalisiert. Dann werden wir uns einfach mit Sashas Angelegenheiten befassen.
Ihre Schwiegermutter schwieg, doch ein kurzer, unangenehmer Ausdruck huschte über ihr Gesicht. Jetzt verstand Olga: Schon damals hatte sie kalkuliert, kalkuliert und den richtigen Moment abgewartet.
Und sie hatte den Moment perfekt gewählt. Nach dem Friedhof ging Olga mit den Verwandten ihres Vaters zur Totenwache. Dann verweilte sie noch eine Weile am Grab, weil sie allein sein wollte. Das Haus war leer. Larisa Viktorovna hatte einen Ersatzschlüssel – Alexander selbst hatte ihn ihr einmal gegeben, damit seine Mutter die Blumen im Garten gießen konnte, wenn sie nicht da waren.
Ein Fehler. Aber korrigierbar.
« Wo ist der Schlüssel? », fragte Olga.
Larisa Viktorovna hob den Kopf.
– Welcher andere Schlüssel?
— Aus meinem Haus. Das, das Alexander dir gegeben hat.
– Er gab es mir als Mutter.
„Er hat es Ihnen für den Hausgebrauch gegeben, nicht um Zugang zu meinen Schränken zu erhalten. Der Schlüssel liegt auf dem Tisch.“
Inga lachte empört.
„Olga, meinst du das ernst? Mamas Sohn ist gestorben, und du verlangst den Schlüssel?“
Olga wandte sich ihr zu.
„Mein Mann ist gestorben. Und während ich auf dem Friedhof war, haben Sie meine Unterwäsche, Dokumente und Bücher eingepackt. Ja, ich meine es ernst.“
Inga errötete. Die Röte stieg ihr rasch vom Hals ins Gesicht und verriet weniger Wut als vielmehr Scham. Sie blickte auf den Karton, in dem sie Olgas Bücher verstaut hatte, und zum ersten Mal schien sie zu begreifen, was sie tat.
— Ich dachte, Mama wüsste das…
— Man muss nachdenken, bevor man etwas von jemand anderem anfasst.
Larisa Viktorovna holte den Schlüsselbund aus ihrer Tasche, nahm den Schlüssel heraus und knallte ihn auf den Tisch. Das Metall klirrte auf der Oberfläche. Olga nahm den Schlüssel und steckte ihn in ihre Tasche.
– Zweite?
– Es gibt keinen zweiten.
„Larisa Viktorovna“, sagte Olga, holte ihr Handy heraus und schaltete die Videoaufnahme ein. „Ich frage vor Zeugen: Haben Sie noch die Schlüssel zu meinem Haus?“
Pavel stand abrupt auf.
— Filmen Sie uns?
– Ja. In meinem Haus. Während Sie darin sind.
— Leg das Telefon weg!
Geh raus, ich räume auf.
Dina sprach schließlich. Leise, aber deutlich:
– Pavel, setz dich. Sie hat das Recht dazu.
Pavel wandte sich seiner Frau zu, als hätte sie ihn verraten. Dina zuckte nicht einmal mit der Wimper. Sie hatte die ganze Zeit geschwiegen, aber sie schien die Situation besser zu verstehen als alle anderen.
Larisa Viktorovna blickte voller Hass in die Kamera.
— Der zweite Schlüssel befindet sich bei mir zu Hause.
„Er sollte morgen bis Mitternacht bei mir sein. Oder du kannst ihn abholen und heute bringen. Mir wäre heute lieber.“
– Willst du mich verarschen?
– Nein. Ich blockiere den Zugang zu meinem Haus.
– Sasha würde dir das niemals verzeihen.
Olga schloss kurz die Augen. Nicht aus Schwäche, sondern um nicht zu viel zu sagen. Dann sah sie ihre Schwiegermutter so ruhig an, dass Inga den Blick abwandte.
„Sasha ist tot. Du benutzt jetzt seinen Namen, um deinen Versuch zu vertuschen, dir etwas anzueignen, das jemand anderem gehört.“
Nach diesen Worten erbleichte Larisa Viktorovna. Pavel fluchte leise vor sich hin. Dina stand rasch auf, nahm ihre Tasche und sagte:
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