Er hatte neben verängstigten Müttern und überforderten Vätern und Neugeborenen gestanden, die zu früh, zu ruhig oder zu zerbrechlich auf die Welt gekommen waren. Die Menschen vertrauten ihm gerade deshalb, weil er die Dinge nicht durcheinanderbrachte, nicht in Panik geriet und sich die Angst im Raum nicht zu eigen machte. Genau das zeichnete Robert Wright aus: Er hatte sich mit Entschlossenheit einen Namen gemacht und war darin schon lange gut.
„An einem grauen Wintermorgen in Kreißsaal Vier.“
Das Baby war klein, unruhig in der Kälte, die winzigen Fäustchen in der typischen Neugeborenenhaltung an die Wangen gedrückt. Feuchtes, dunkles Haar klebte an seinem geröteten Gesicht. Die Art von perfektem, wildem neuen Leben, die Robert schon hunderte Male erlebt und mit professioneller Wärme begrüßt hatte.
„Dann rutschte die Decke.“
Direkt unter dem linken Schlüsselbein des Babys, wo der Stoff zur Seite gerutscht war, befand sich ein Muttermal. Es hatte die Form einer zerbrochenen Mondsichel, hell an den Rändern, dunkler in der Mitte, wie ein kleiner Mond im Schatten.
Robert hörte auf zu atmen.
Für einen unmöglichen Moment war er nicht in einem Krankenhaus mitten an einem Wintermorgen. Er war fünfundzwanzig Jahre in der Vergangenheit und hielt ein anderes Neugeborenes im Arm, mit demselben Mal an derselben Stelle. Ein Kind, das verschwunden war. Ein Kind, das zweieinhalb Jahrzehnte lang gehofft hatte, irgendwo noch am Leben zu sein.
„Doktor?“
Die Stimme der Krankenschwester kam aus der Ferne.
Im Bett, wurde Joanna bewusst. Sie war erschöpft von der Geburt, ihr Körper zitterte noch von den Nachwirkungen, doch sie hob den Kopf mit jener besonderen Wachsamkeit, die frischgebackene Mütter als Erstes befällt: dem wilden, animalischen Gefühl, dass etwas nicht stimmte.
„Ist etwas mit meinem Baby nicht in Ordnung?“
Robert öffnete den Mund. Kein Wort kam heraus. Sie presste sich einen Moment lang den Handrücken auf die Augen, dann schob sie ihre zitternde Hand in die Manteltasche, wo die Krankenschwester sie nicht sehen konnte.
„Ihm fehlt nichts“, brachte sie hervor. Ihre Stimme klang fremd.
Joannas Augen verengten sich.
„Warum weinst du dann?“
Was in dem Brief stand, was sie noch nie jemandem erzählt hatte, und die drei Worte, die die Stimmung im Raum veränderten.
Sie blickte auf ihren Brief.
Joanna Ellis. Achtundzwanzig Jahre alt. Kein Notfallkontakt angegeben. Kein Ehepartner. Vater des Kindes: nicht angegeben.
„Darf ich fragen“, sagte sie vorsichtig, „wie heißt der Vater?“